Erschütternd, einleuchtend, bewegend – für ein Sexkaufverbot!

Vor einigen Tagen las ich auf der Website der Störenfriedas DEN Brief für ein Sexkaufverbot. Geschrieben hat ihn Huschke Mau als Reaktion auf ein Interview des Berliner Stadtmagazins Zitty mit der Prostituierten Stephanie Klee, das ich hier bewusst nicht verlinke, weil ich kompletten Nonsens nicht verbreiten will.

Ich habe Huschke Mau geschrieben, weil mich ihr Brief innerhalb unheimlich berührt hat. Nach dem Lesen dachte ich: Wer nach diesem Brief immer noch gegen ein Sexkaufverbot ist, dem ist einfach nicht zu helfen!

Sie hat mir erlaubt, den Brief hier als Gastbeitrag zu veröffentlichen, was ich nun mit großer Freude tue!

«Liebe ProstitutionsbefürworterInnen, liebe Stephanie Klee,

ich nehme Bezug auf das Interview, dass das Stadtmagazin Zitty Berlin mit Dir geführt hat (1) und ich möchte mich zunächst bei Dir dafür bedanken, dass Du es gegeben hast. Denn hätte ich es nicht gelesen, würde ich immer noch schweigen. Zunächst mal: ich darf Dich doch duzen? Wo wir doch sozusagen Kolleginnen sind. Denn ja, auch ich kenne die Prostitution gut, ich habe zehn Jahre in ihr verbracht. Weißt Du, ich finde Deine Aussagen über die Prostitution ganz bemerkenswert. Mich wundert nur ein bisschen, dass Du vergessen hast einige – mir doch recht wichtig erscheinende Dinge – zu erwähnen. Zunächst einmal hast Du vergessen, die grundsätzliche Frage zu stellen, ob es der Prostitution überhaupt bedarf. Es ist schön, dass Du wenigstens nicht das alte, abgenudelte Pseudoargument verwendest, ohne Bordelle triebe es die Vergewaltigungsrate hoch (was ja bedeutet, Männer können ihre Triebe nicht kontrollieren und kämen sie nicht zum Stich, könnten sie ja nicht anders als zuvergewaltigen).

Aber wozu braucht die GesellschaftProstitution, Stephanie? Wozu braucht es die Tatsache, dass Männer Frauen kaufen dürfen (denn die meisten Prostituierten sind weiblich, und die, die männlich sind, bedienen das Homosexuellenmilieu). Wie erklärst Du Dir denn diese Tatsache und was sagt sie für Dich aus? Anscheinend ist das für Dich kein Merkmal eines Machtverhältnisses. Und da ist er schon, der erste blinde Fleck auf Deiner Linse.
Und was ist Prostitution überhaupt? Du schreibst, Prostitution sei Sex. Weisst Du, für Sex, da gehören für mich mindestens zwei Personen dazu. Und nicht eine, die die sexuellen Wünsche ausschließlich (!) des Kunden bedient und dabei ihre eigene Sexualität und sich selbst, ihre Person, ihre Persönlichkeit, „wegmachen“ muss.
DAS ist „sich ficken lassen“ – und das bedient erstens das alte Klischee davon, dass Frauen Sex eben nur ertragen und passiv sind, keine Lust haben (denn um ihre Lust geht es in der Prostitution ja auch nicht, höchstens darum, dass sie die vorspielt) und zweitens von männlicher Seite als Demütigung gemeint – oder woher kommt sonst unsere so gewalttätige Sprache, siehe „da hab ich mich echt gefickt gefühlt“, „da war ich echt angefickt“, „Du Lutscher“, „Du Pussy“, …?. Und wer fickt wen? Mann fickt Frau. Nie andersrum.
Wieder kein Ausdruck eines Machtverhältnisses für Dich.

Ich möchte Dich gerne fragen, in welchem Prostitutionsmilieu Du so lebst, wenn Du nicht mitbekommen hast, dass die „Spielarten“ von „Sexualität“, sprich, die „Wünsche“ der Freier immer gewalttätiger werden und immer mehr auf Demütigung abzielen. Lies doch mal in den Freierforen, liebe Stephanie, da steht sehr deutlich, dass Männer (Freier) es als Ausdruck ihrer Macht empfinden, wenn sie Frauen im Bordell ins Gesicht spucken, ihr das Sperma „reinspritzen“ dürfen, wenn sie in Sachen Analverkehr schauen wollen, wieviel die Frau „verträgt“, wenn sie ihr ins Gesicht spritzen, und wollen, dass sie das Sperma schluckt nachdem sie, die Freier, ihr den Schwanz bis an die Mandeln reingewürgt haben. Lies Dir die Sprache in den Freierforen doch mal durch, lies Dir durch, wie ihnen dabei einer abgeht, wie sie es genießen zu wissen, dass die Frau das nicht mag sondern nur für Geld macht, es aber tun muss, weil sie die verdammte Kohle braucht oder weil im Nebenzimmer ein Typ sitzt. Wie sie ganz bewusst die Grenzen testen und übertreten und sich ihrer sadistischen Seite dabei wenn nicht ganz hingeben so doch zumindest deutlich bewusst werden.

Es geht in der Prostitution nicht um Sex, es geht um Macht. Und nur um Macht. Tu nicht so, als könnten Frauen sich dort ausleben in ihrer Sexualität, der einzige, der sich auslebt, ist der Freier, dessen Wünsche Du erfüllst. Und zwar auf Deine Kosten.

Und nein, Stephanie, der Freier vergisst dieses Machtgefühl, das er sich gekauft hat, nicht. Er vergisst nicht, dass Frauen verfügbar sind, dass er sie sich nehmen kann, dass sie dazu da sind, seine Wünsche zu erfüllen, dass sie ihre Sexualität und Seele beim Akt wegmachen und keine Bedürfnisse / Grenzen / Wünsche haben dürfen.

Oh nein. Er nimmt dieses Gefühl, dass Sex für ihn mit Macht gleichsetzt, mit raus aus dem Bordell und es wirkt sich auf seinen Umgang mit sich nichtprostituierenden Frauen aus. Prostitution ist Gewalt, denn Prostituierte sind keine PERSON mehr im Moment des Aktes, sie sind ein verfügbar gemachter, gekaufter, auf die Erfüllung von „Männerbedürfnissen“ (wobei ich persönlich glaube, dass das Männerbedürfnis, Sex mit Gewalt und Macht gleichzusetzen kein naturelles, sondern ein gesellschaftlich konstruiertes Ding ist) abgerichtetes DING. Eine Männerbefriedigungsmaschine.

Sex muss nichts mit Liebe zu tun haben. Aber eben auch nicht mit Geld (= Macht).

Was Du, Stephanie, willst, ist das Freier ihre Macht ausleben dürfen.

Mit dem Sichausleben der Sexualität der Prostituierten hat das wenig bis gar nichts zu tun.

Tu nicht so, als hättest Du nie Freiergewalt erlebt, und erzähl nicht die Mär vom lieben, netten Kunden der nur kuscheln will und Deine Grenzen immer achtet. Deutschland hat Prostitution legalisiert, und zu was hat das geführt? Zu noch mehr Prostitution und vor allem: zu immer krasserer Nachfrage. Und damit meine ich nicht nur, dass es immer mehr Freier gibt, weil Männer lernen, dass es okay ist, sich Frauen zu kaufen (ja, ich höre schon das Pseudoargument der Freier kaufe ja keine Frau, sondern eine „Dienstleistung“, was für ein Unsinn, kannst Du Deine Muschi, Deinen Arsch, Deine Brüste, Deinen Mund und das, was Du damit machst, von Dir abkoppeln? Berührt wird immer der ganze Mensch.).

Nein, schau Dir mal an, was Freier so wollen: Küssen, alles ohne, Analverkehr (auch ohne), Französisch total (heißt Sperma schlucken), Zungenanal, Faustfick, ins Gesicht spritzen, sie wollen Gangbang- und Rape-Partys, sie wollen immer jüngere Mädchen, sie wollen TABULOSE Mädchen, die darauf konditioniert sind, ALLES zu machen was der Freier will. Sie wollen FlatrateFicken, so viele Mädchen / Frauen wie möglich, alles im Clubeintritt inbegriffen.

Wie erklärst Du Dir das? Es ist doch eindeutig, dass sich mit der Legalisierung der Prostitution ihr wahres Wesen offenbart: Gewalt. Völlige Verfügbarkeit von Frauenkörpern. Das hemmungslose Ausleben von Männermacht. Und: sexualisierte Folter.

Denn, liebe Stephanie, wenn Du Dich mal in den Freierforen umschauen würdest, würdest Du sehen, dass Freier Frauenhasser sind. Dass sie es lieben, Frauen zu quälen, an deren Grenzen des Ertragbaren zu gehen. Und noch was: Freier wollen Zwangsprostituierte. Denn bei denen können sie sich sicher sein, dass die Praktiken mitmachen (müssen), die jede „anständige“ deutsche Prostituierte vom alten Schlag heftig ablehnen würde.

DAS ist, was Freier wollen. Wie schaffst Du es, das zu übersehen, dass mittlerweile in jeder Stadt mehrere Großbordelle stehen, in denen fast nur Frauen arbeiten, die kaum oder wenig deutsch sprechen, die von ihren „Beschützern“ morgens hingebracht und abends abgeholt werden und die Praktiken anbieten, die weh tun und gesundheitsgefährdend sind? Stehn die da drauf oder wie? Alles Masochistinnen? Und Du schreibst, für diese Frauen (aus Rumänien, aus Bulgarien) sei Prostitution eine tolle Alternative? Du findest, Prostitution ist eine tolle Alternative zu Armut? Was bleibt, wenn wir Deinen menschenverachtenden Zynismus mal weglassen, Stephanie?

In diesen zehn Jahren hat mich kein einziger Freier jemals gefragt, wie alt ich bin oder ob ich das freiwillig mache. Im Gegenteil, sie sind davon AUSGEGANGEN, dass irgendwo im Hintergrund ein Mann ist, der mich abkassiert, Termine für mich macht usw. Ich kann nicht nachvollziehen, warum immer noch folgendes Märchen erzählt wird, dass es Freiern unmöglich gemacht würde, einen Verdacht auf Zwangsprostitution zu melden, wenn Prostitution verboten ist. Sie melden das nicht. Das ist ihnen BESTENFALLS egal. Meistens wollen sie das sogar. Du redest von Prostitution als sei sie etwas, das erstrebenswert wäre, das toll sei für Frauen und Mädchen.

Warum erwähnst Du nicht, welche Gründe Frauen in die Prostitution treiben? Und da nehme ich die Zwangsprostitution jetzt schon mal raus. So nebenbei, was ist für Dich Zwang? Sich aus Armut und fehlender Perspektivlosigkeit heraus für die Prostitution entscheiden zu müssen? Das ist für Dich kein Zwang, sondern eine tolle Chance? Selbst Frauen die „freiwillig“ einsteigen, sind im Gewerbe Zwang ausgesetzt. Wenn die Zimmermieten so hoch sind, dass sie einen Freier annehmen müssen, obwohl sie nicht wollen, weil sie sich sonst beim „Vermieter“ in Schulden stürzen zum Beispiel. Wenn sie sich nicht trauen, einen Freier abzulehnen, weil es sonst wieder Stress mit den „Aufpassern“ oder dem „Bordellinhaber“ gibt, der es eben nicht gerne sieht, wenn seine Mädels im Ruf stehen zu „zicken“. Du stellst es geradeweg so dar als wöllten Frauen sich im Gewerbe ausleben.

Liebe Stephanie, ich bin eine von den „vielbeschworenen „freiwilligen“ Prostituierten. Mit 18 habe ich angefangen, nachdem ich 17 Jahre lang von meinem Stiefvater verprügelt und sexuell missbraucht worden und von Zuhause abgehauen bin. Ich dachte, ich kann nur das, ich bin nur zum ficken gut. Und wenn ich eh nur dafür gut bin, dann ist das jetzt meine Lebensversicherung, die mir mein Überleben ermöglicht. Am Anfang dachte ich noch, ich hätte Macht. Schau, da, sie zahlen sogar für Dich. Ich habe mit Hilfe der Prostitution den Zugang zu meinem Körper reguliert.

Gelernt habe ich: über Dich dürfen eh alle drüber. Und dann durfte ich aussieben: nee, nicht mehr alle, nur noch die, die es sich leisten können.

Ich bin da nicht die einzige. Ich habe keine einzige Prostituierte erlebt, die nicht, als Kind oder als Erwachsene, sexuell missbraucht / vergewaltigt worden wäre oder anderweitig sexualisierte Gewalt erlebt hätte. Und ich wage die steile These, dass unsere Gesellschaft den massenhaften Missbrauch junger Mädchen deswegen nicht konsequent verfolgt, weil er ihr nutzt. Missbrauch, Nötigung, Vergewaltigung sind immer noch strafrechtlich wenig verfolgtes „Herrenrecht“. Missbrauchsopfer lernen zu schweigen – auch bei späteren Vergehen und Grenzüberschreitungen, ob von Fremden, Bekannten, Vorgesetzten, Lebenspartnern, Ehepartnern begangen oder in der Prostitution. Das ist praktisch, denn so kann der Missbrauch fröhlich weitergehen. Die Opfer lernen, dass es normal ist, was an ihnen geschieht, sie lernen, damit zu leben und den Mund zu halten. Missbrauch ist wie frühes Einreiten. Das ist praktisch, denn durch Missbrauch lernen Frauen / Mädchen, zu dissoziieren, sich wegzumachen dabei. Nicht da zu sein (und das ist genau das wofür der Freier zahlt – dafür, dass der Wille der Frau in dem Moment nicht da ist, denn er hat ihn WEGBEZAHLT). Der Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution ist längst belegt, mindestens 60 % (andere Statistiken sprechen von bis zu 90%) aller weiblichen Prostituierten wurden als Kind sexuell missbraucht (2). Das einzige, was diese Frauen ausleben, Stephanie, ist die Reinszenierung ihrer Traumata, die sie so zu verarbeiten hoffen aber natürlich nicht können.

Und Du willst da keine Hilfe, sondern Einstiegshilfen in die Prostitution, ja?

In der Prostitution leben Frauen, die traumatisiert sind, und die durch die Prostitution weiterhin traumatisiert werden. Oder wie erklärst Du Dir, liebe Stephanie, dass Prostituierte (auch ich) massenhaft an Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden (Studien sprechen von mindestens 60% mit einer voll ausgeprägten PTBS) (3)? Du erzählst, Prostitution versetze Prostituierte in Hochgefühle, sie seien glücklich, den Kunden glücklich gemacht und Geld in der Tasche zu haben.

Aber was heißt „den Kunden glücklich machen“?

Das bedeutet doch auch nur, dass ich erfolgreich gewalttätig gegen mich selber geworden bin (indem ich mich wegmache, meinen Ekel, meinen (Wider-)Willen), damit der Kunde gewalttätig an mir werden kann, indem er mich für seine Wünsche benutzt. Und das macht Prostituierte also glücklich, ja? Macht es Dich glücklich, zu dissoziieren und nicht da zu sein? Du sagst, erst wenn die Prostituierte aus der Bordelltür trete, begänne ihre Traumatisierung, und diese beruhe auf ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung.

Dazu möchte ich Dir gerne was erzählen, Dir, die Du denkst es bräuchte Einstiegshilfen statt Ausstiegshilfen.
Ich bin eine von denen, die sich prostituiert haben als Prostitution in Deutschland längst nicht mehr sittenwidrig war. Soll ich Dir sagen zu was das geführt hat? Ich habe mich, wie der Großteil aller Prostituierten NICHT als solche angemeldet, weil ich Angst hatte, dann nicht mehr aussteigen zu können. Weil ich Angst hatte da vor gefragt zu werden warum ich nicht mehr als Prostituierte arbeiten will, wo das doch ein Beruf wie jeder andere sei. Und genau das ist passiert, als ich aussteigen wollte. Ich habe auf dem Gesundheitsamt Hilfe gesucht und erntete Unverständnis. Und kam nicht raus. Was hätte ich dem Arbeitsamt denn erzählen sollen, wenn ich einen ALGII-Antrag stelle um nicht mehr täglich 10 Schwänze lutschen zu müssen damit ich wo wohnen und was essen kann? Wovon, würden sie fragen, hätte ich gelebt die letzten drei Monate? Und wenn ich es gesagt hätte, hätten sie mich dann gefragt warum ich das nicht weitermachen will, es gäbe da ein tolles Bordell hier in der Nähe, die suchen noch…? Oder hätte ich beweisen müssen, dass ich mich nicht mehr prostituiere? Und wie beweist frau das?

Hast Du Dich mal gefragt, Stephanie, warum Frauen sich auch nach diesem ach so tollen Prostitutionsgesetz, mit dem sie ihren Lohn einklagen könnten, trotzdem nicht anmelden? Nicht unbedingt nur weil sie fürchten gesellschaftlich diskriminiert zu werden, wenn bekannt wird was sie tun. Sondern auch weil Leute wie Du dafür gesorgt haben, dass Prostitution als Beruf wie jeder andere anerkannt wird und weil sie Angst haben NICHT AUSSTEIGEN ZU KÖNNEN, wenn sie es wollen, weil Prostitution doch ach so toll ist! Massenhaft Kohle!
Sexuelles Sichausleben bei freier Zeiteinteilung!
Boah, ist das PRIMA! Du vergisst auch den Drogen- und Alkoholkonsum, der im Gewerbe unter Prostituierten herrscht (warum wohl? Wenn doch alles so toll ist? Aber anscheinend ist es eine einzige große Party, eine Orgie, da gehört das dazu, zum Sichausleben, ah?), Stephanie. Übrigens haben meine Freier mich nie darauf angesprochen, wenn ich unter Drogen oder Alkohol stand. Im Gegenteil, sie haben mir noch einen ausgegeben oder nachgeschenkt. Warum?

Weil sie genau wussten, dass ich in diesem Zustand meine Grenzen nicht mehr gut verteidigen kann. Und das ist es, was sie wollen. Ich war ihnen doch völlig egal.

Meine zerschnittenen Unterarme? Haben sie sehr wohl gesehen. Nachgefragt hat nie einer. Du vergisst so vieles. Du vergisst Zwangsprostitution, Freiergewalt, Zuhältergewalt (ach, die heißen ja jetzt nicht mehr Zuhälter, sondern „Partner“, „Security“, „Vermieter“). Du vergisst den Frauenhass, den Selbsthass. Du vergisst, dass Vermieter, Bordellbetreiber, Zeitungen (ja, solche Anzeigen in denen Prostituierte sich bewerben sind extrem teuer), der Staat (Steuern) profitieren. Du vergisst, dass alle an einer Prostituierten verdienen, sie ausnutzen, inzwischen gehen ganze Bordelle und Laufhäuser sogar an die Börse. Ist das nicht schön, dass man jetzt Aktien daran kaufen kann, dass Frauen gefickt werden (ob sie wollen oder nicht)? Alle verdienen, das ist doch super.

Wer hat am wenigstens davon? Die Prostituierte. Die kriegt den geringsten Anteil am Geld, alle verdienen an ihr, alle haben was von ihr (Sex, Geld, befriedigte Machtgeilheit), aber was hat sie? Eine PTBS, eine Substanzsucht und jede Menge Einsamkeit und Selbsthass.

Und das alles kommt von der gesellschaftlichen Diskriminierung, ja? Komisch, mir persönlich kommen bei Flashbacks, die ich auf Grund meiner durch Prostitution verursachten PTBS habe, immer nur die Bilder von mich missbrauchenden Freiern vors innere Auge! Stephanie, frag doch mal TraumatherapeutInnen, woher die PTBS kommt, die die Prostituierten haben die irgendwann (hoffentlich!) bei ihnen landen!

Ich hab die Schnauze voll von euch prostitutionsfremden ProstitutionsbefürworterInnen, die ihr mir erzählen wollt, dass Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist. Kommt mir nicht mit „ja aber ich muss doch auch eine Arbeit machen die ich nicht mag, das ist ja auch wie Prostitution“. Wenn ihr keinen Unterschied merkt zwischen dem Umstand, Männern Zugang zum eigenen Körper zu gewähren, Zugang IN den Körper zu gewähren und der Tätigkeit, früh im Drogeriemarkt Kisten auszuräumen oder Physiotherapie anzubieten (denn Du, Stephanie, setzt Prostitution ernsthaft damit gleich!), merkt ihr GAR NICHTS MEHR! Jede Frau, die mir erzählt Prostitution sei doch okay und ein Beruf wie jeder andere möge sich doch mal vorstellen, sie würde arbeitslos und bekäme dann von der Arbeitsagentur ein Jobangebot im nächstliegenden Hotel. Warum auch nicht, ist ja ein Beruf wie jeder andere, eine Dienstleistung. Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass ihr euch da freut? Dann überlegt mal, warum ihr dabei ein ungutes Gefühl habt.

Ich hab keinen Bock mehr auf euch, die ihr allen hier das Märchen von der ach so tollen freiwilligen Prostitution erzählen wollt. Ihr, die ihr keine Ahnung von Prostitution habt und in eurem linken Selbstverständnis irgendwas von „Prostitution ist früher mal Ausdruck von Macht über Frauen gewesen, aber nun ist es eine Umkehr der Power relations, die Prostituierte hat Macht über den Freier“ babbelt. Ich hab nie Macht empfunden, wenn ich unter einem verdammten Freier lag, und ich kenne keine, die das je so gefühlt hat! Ich krieg das kotzen über euch, die ihr in der Prostitution seid und euch „Sexarbeiterinnen“ nennt. Weil ihr Realitäten ausblendet. Weil ihr Opfer von Zwangsprostitution „Sexzwangsarbeiterinnen“ nennt (hallo? Die wäre mit „serielle Vergewaltigung“ auch ganz gut beschrieben, diese „Sexzwangsarbeit, oder?!).

Weil ihr euch aufschwingt, für uns alle zu sprechen, für uns alle, die in der Prostitution sind, und weil ihr denen, die nichts von Prostitution wissen (Frauen – denn Männer wissen es zumeist, so als Freier, nur die werden euch nicht erzählen warum sie wirklich ins Bordell gehen, was sie dort wollen und machen!) glauben macht es sei alles okay.

Es ist NICHT okay.

Ich ertrage Das nicht mehr, dass ihr so tut als würdet ihr für ALLE Prostituierten sprechen. Ihr seid eine Minderheit in der Prostitution. Ihr beschreibt eine Realität, die so nicht stattfindet. Ihr sprecht Opfern von Gewalt das Opferdasein ab und legt ihnen nahe, sich darüber auch noch zu freuen, weil ja alles so toll ist. Ihr macht die MEHRHEIT der Prostituierten mundtot. Die Mehrheit, die immer noch säuft, Drogen nimmt oder ihren Missbrauch immer und immer wieder reinszeniert in der trügerischen Hoffnung das lindere den Schmerz. Die Mehrheit, die einfach keine Kohle hat oder die gezwungen oder überredet wird oder anders nicht weiterweiß. Die, die den Hass derer die ihnen Gewalt angetan haben irgendwann übernehmen, in Selbsthass verwandeln und sich „freiwillig“ in diese Gewaltspirale begeben. Ihr überschüttet Frauen, die von Gewalt in der Prostitution sprechen wollen, mit Hohn: „ach, das tut mir leid, dass DU schlechte Erfahrungen gemacht hast“, ganz so als läge die Gewalt nicht in der Struktur der Prostitution sondern in der mangelnden Professionalität der Frau, in ihrer schadhaften Persönlichkeit, die eine ach so tolle Erfahrung nicht ertragen kann. Ihr wollt für alle sprechen? Ihr sprecht NICHT für mich und für keine Prostituierte, die ich kenne. Ihr nutzt den Umstand, dass die meisten Prostituierten einfach zu beschäftigt sind mit Überleben, zu traumatisiert um zu sprechen (ja, auch mir fällt es sauschwer darüber zu sprechen weil es TRIGGERT) aus um zu behaupten es sei alles okay.

Es ist NICHT okay.
Das was ihr sagt ist NICHT okay.
Ihr sprecht NICHT für alle.

Neulich, auf dem Weg zur Traumatherapie: ich muss an einem Stripclub vorbei (Trigger: Frauenkörperkauf zu beglotzen). Davor stehen Taxis. Eins ist beklebt mit Bordellwerbung (Trigger: Frauenkörperkauf zum Ficken). Zwei Taxifahrer pfeifen mir hinterher, weil meine Jeans eng ist (Trigger: street harrassment und alltägliche sexualisierte Einschüchterung). Und wer geht zur Traumatherapie? Ich.

So langsam bekomme ich den Eindruck, dass nicht ich verrückt bin, weil ich die Gewalt nicht ertrage, sondern dass die Gesellschaft verrückt ist, weil sie die Gewalt an Frauen für normal hält. Und ihr, liebe ProstitutionsbefürworterInnen, gehört zu dieser Gesellschaft, und ich spreche euch ab für alle Prostituierten zu sprechen, weil ihr die, die diese Gewalt benennen könnten, mundtot macht, ihr Schweigen nutzt und sie einfach nicht erwähnt und sie damit erneut zu Opfern macht.

Wenn ihr sagt „es sollen doch alle machen können was sie wollen“, dann meint ihr doch in Wirklichkeit nur, dass die Freier und die Zuhälter, die hinter euch stehen, machen können sollen was sie wollen.
Und nicht die Prostituierten. Ihr befreit niemanden mit eurem neoliberalen Gebabbel. Wenn ihr erzählt, Prostitution müsse nur von sämtlichen Kontrollen, Auflagen usw. befreit werden und alles sei supi, dann lügt ihr und verfolgt eine merkwürdige Theorie:

Denn wenn Opfer von Sklaverei sich unglücklich fühlen, weil sie Sklaven sind, hilft es dann, Sklaverei zu legalisieren, damit die Sklaven nicht mehr „gesellschaftlich diskriminiert“ werden (also in den Augen der Gesellschaft auch keine Probleme mehr mit ihrem Sklavendasein haben dürfen und keine Hilfe angeboten bekommen) und sich in der Sklaverei noch besser versklaven lassen können?

Ohne Gruß,
Huschke Mau
Huschke.mau@web.de»

Huschke Mau auf Twitter: @HuschkeMau

(1)    verlinkt in Hauschkes Brief auf das Zitty-Interview, das habe ich gelöscht, weil ich Unsinn nicht verbreiten will.
(2) “Freiwillige Prostitution” – Ein Beruf? und Prostitution als Reinszenierung erlebter Traumata
(3) Zumbeck, Sibylle: Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Dissoziation bei Prostituierten, Hamburg 2001

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