Emil und die Rituale

Also ich bin ja jetzt schon acht – aber noch richtig gut in Schuss. Und weil ich nie genug zu fressen kriege (Anmerkung von Frauchen: Weil Du Dich nicht ständig überfressen darfst!), bin ich auch noch ganz schlank und werde oft noch für ein Hundekind gehalten – pffft – dabei bin ich in meinem besten Männerjahren. Herrchen und Frauchen haben mich mit nach Hause genommen, als ich 16 Wochen alt war – und dann gings auch direkt los mit den Ritualen. Also, am Anfang musste ich natürlich alle paar Stunden raus, nach dem Fressen, nach dem Spielen.

Da war ich ungefähr acht Wochen alt. (c) Ursula Hummel

Da war ich ungefähr acht Wochen alt. (c) Ursula Hummel

Heute bin ich ja erwachsen, aber Rituale haben wir immer noch jede Menge. Morgens zum Beispiel penne ich erst nochmal gerne eine Runde in der Box. Aber sobald Frauchen aufsteht, muss ich natürlich aus meiner Box und raus – in mein Körbchen, zum weiter schlafen. Weil: Ohne mich geht in diesem Haushalt gar nix. Manchmal allerdings lasse ich mich gerne aus der Box bitten. Das funktioniert dann so: „Emil, komm! Du kriegst auch ein Keksi!“ Keksi ist ein Zauberwort, es zaubert mich auf alle Viere und hinaus in die Küche – dort stehen nämlich die Keksi. Dann setze ich mich erst mal ganz brav hin. Und wenn Frauchen das Keksi in der Hand hat, sause ich ins Körbchen ins Wohnzimmer und lege mich so niedlich wie möglich hin.

Emil fühlt sich beaglewohl (c) Ursula Hummel

Emil fühlt sich beaglewohl (c) Ursula Hummel

Dann schaue ich Frauchen beim Frühstücken zu. Und wenn sie zwischendurch aufsteht und weggeht, hüpfe ich auf die Couch und schaue nach, ob das Joghurtbecherl noch da steht – das schnappe ich mir dann und verziehe mich damit in mein Körbchen – lecker! Meist schaffe ich es, das ganze Joghurt aufzuschlecken und den Becher zu zerlegen, bevor Frauchen wieder kommt. Sie schimpft dann mit mir, aber das ist mir wurst, weil: was ich hab das hab ich! Wenn sie klug genug war, das Joghurtbecherl schon mal in die Küche zu tragen und auf der Anrichte abzustellen (da komm ich nicht rauf), hüpfe ich trotzdem auf die Couch und trinke aus ihrem Saftglas – mmmh – lecker! Sie schimpft dann mit mir, wenn sie zurückkommt, aber das ist mir wurst, denn: was ich hab das hab ich.

Ich war das nicht! (c) Franz Müllegger

Ich war das nicht! (c) Franz Müllegger

Nach dem Frühstück möchte ich schon urgern endlich spazieren gehen, aber aus irgendwelchen merkwürdigen, für einen Hund nicht nachvollziehbaren Gründen, geht sie zuerst in das Zimmer, das ich gar nicht mag (Anmerkung von Frauchen: Emil hasst Baden, deswegen mag er auch das Badezimmer nicht). Dort fuhrwerkt sie dann mit so einem surrenden Gerät in ihrem Mund herum und schmeißt sich Wasser ins Gesicht. Versteh ich nicht.

Nach dem Anziehen denke ich mir jedes Mal: Super, jetzt gehen wir endlich! Und laufe Frauchen natürlich überall hin nach. Einmal habe ich mich mucksmäuschenstill hinter ihr hingesetzt, als sie Jeans aus dem Schrank genommen habe. Sie ist über mich gestolpert und hat sich auf ihren Popo gesetzt – das war lustig! Sie fand es aber gar nicht komisch und hat mich ins Körbchen verbannt.

Sie geht dann aber immer nochmal in das Zimmer, das ich nicht mag und dann macht sie urkomische Sachen. Sie bemalt sich das Gesicht! Menschen sind schon seltsam. Und dann, endlich! geht sie ins Vorzimmer und zieht sich Schuhe an, ich so: gehen wir? gehen wir? gehen wir? Frauchen so: Sitz, Emil, ich muss mich noch anziehen! Ätzend. Dann zieht sie eine Jacke an. Und dann – endlich! – legt sie mir die Leine an und wir gehen los. Eine Stunde ziehen wir auf verschiedenen Runden durch unseren Bezirk. Oh, was gibt es da alles zu beschnuppern! Naja, eigentlich ist ja alles zum beschnuppern da, oder? Und oh – die Speisekarte! Unglaublich, was sich da findet – so lecker. Aber oft macht Frauchen mir einen Strich durch die Rechnung. Sie erzählt FreundInnen immer, sie „scannt“ die Straße, weil ich oft Dinge finde, die kaum zu sehen sind. Aber manchmal erwische ich doch was! Ha! Dann schimpft Frauchen mit mir, aber das ist mir wurst, weil: was ich hab das hab ich. (Anmerkung von Frauchen: Es ist ja nicht so, dass du dich mit der dämlichen Abfallfresserei nicht schon mal schwer vergiftet hättest und fast gestorben wärst – dämlicher Köter.)

Gehen wir jetzt endlich los? (c) Ursula Hummel

Gehen wir jetzt endlich los? (c) Ursula Hummel

Wenn wir dann wieder zu Hause sind, habe ich die Nase voller Gerüche und ziehe mich erst einmal auf meinem Platz im Arbeitszimmer von Frauchen zurück um eine gemütliche Runde zu pennen. Überhaupt schlafen: Das Zweitcoolste nach Fressen. Frauchen behauptet ich schnarche, aber das glaube ich ihr nicht! (Anmerkung von Frauchen: Nein, natürlich schnarchst du nicht. Die komischen Schnarchgeräusche, die meinen InterviewpartnerInnen ans Ohr dringen, stammen natürlich nicht vom Hund.)

Ich bin sooo müde! (c) Sabine Fisch

Ich bin sooo müde! (c) Sabine Fisch

Tagsüber schlafe ich eigentlich fast immer. Außer im Sommer, da gehe ich zwischendurch den Garten beschnuppern, besichtigen und begießen – Frauchen und Herrchen habe da nichts gegen – nur wenn ich Löcher grabe mögen sie das nicht – aber ich grabe sie natürlich trotzdem, wenn sie nicht aufpassen.

Wenn ich mal zwischen durch aufwache, stupse ich Frauchen an und kriege meine Schmuseeinheiten. Besonders an der Hüftbeuge werde ich echt schwach. Wenn sie nicht gleich auf meine Bedürfnisse reagiert (Anmerkung von Frauchen: Z. B. weil sie arbeiten muss), dann humse ich drauflos: Hmmmmmmmm, ganz laut und in verschiedenen Tonhöhen und Intervallen. Das mache ich so lange, bis sie endlich aufhört mit dem, was sie gerade tut und endlich das tut, wofür Frauchen da sind: Mich streichelt und knuddelt. Und das am Besten stundenlang.

So ab 16 Uhr bin ich dann gut ausgeschlafen und zu neuen Abenteuern bereit. Bedeutet: Ich will spazieren gehen. Meist wende ich dann die gleiche Technik an, die auch bei der Forderung nach Streicheleinheiten zum Einsatz kommt: Das Humsen. Ich humse so laut und lange, bis Frauchen endlich die Finger von diesem merkwürdigen schwarzen Ding mit den Tasten nimmt, meist einmal laut seufzt und dann sagt: Na gut Emil, dann komm. Wir gehen raus. Yippieh! Mit fliegenden Ohren rase ich ins Vorzimmer und setze mich erst Mal hin. Aber nichts wird’s mit dem „gleich rausgehen“. „Ich muss erst noch mal aufs Klo!“ sagt Frauchen und setzt sich in die andere Richtung in Bewegung. Ich natürlich sofort hinterher. Dann muss sie noch – ihr kennt das ja schon – Schuhe und Jacke anziehen, Tasche nehmen, Schlüssel suchen – und endlich! endlich! legt sie mir die Leine an – und wir ziehen für eine weitere Stunde los.

Krieg ich jetzt endlich was zu essen? Ja? Ja? Ja? (c) Franz Müllegger

Krieg ich jetzt endlich was zu essen? Ja? Ja? Ja? (c) Franz Müllegger

Wenn wir wieder zurück sind, beginnt die beste und schlimmste Zeit des Tages. Ich bekomme nämlich jeden Tag um die gleiche Uhrzeit mein Fressen. Ich weiß genau, wann das ist, um sieben Uhr nämlich (Anmerkung von Frauchen: Emil scheint eine eingebaute innere Uhr zu haben, selbst wenn er bis 18.59 Uhr im Tiefschlaf liegt: Schlag 19 Uhr steht er da und will Futter – und zwar sofort). Blöd ist: Meist ist es noch nicht 7 Uhr, wenn wir nach Hause kommen. Also gehe ich erst mal schlafen. So ab 6 Uhr dann werde ich wieder wach und beginne hungrig auszusehen (Anmerkung von Frauchen: Ich weiß nicht, wie er das macht, aber er bringt es fertig, kleiner, dünner und im Gesicht eingefallen auszusehen).

Anstarren ist auch gut. Wenn möglich setze ich mich also hin, sehe verhungernd aus und starre Frauchen an. Die hat leider die Nase meist in einem Buch, deswegen funktioniert das Starren nicht so gut, aber manchmal klappts – dann kriege ich ein Keksi. Fressen aber erst um 7. Wenn es endlich los geht, Frauchen also in die Küche geht, rase ich ihr erst einmal nach. Sie schickt mich dann vor die Küche, wo ich mich hinsetzen muss (Anmerkung von Frauchen: Die Küche ist sehr klein und das „über den Hund fall-Risiko“ daher sehr groß. Wenn der Napf gefüllt ist, muss ich warten, bis sie ihn hinstellt und sagt: Emil komm!“ Erst dann darf ich lossausen. Wer aber jetzt geglaubt hat, ich darf ungebremst damit los legen, mein Futter zu inhalieren, irrt gewaltig. Zuerst muss ich mich wieder hinsetzen und Blickkontakt halten. Dann – endlich! endlich! – sagt sie: „Fassen, Emil!“ Und ich darf mich endlich mit schrankenloser Gier über mein Futter her machen. Futter ist leider meist nach einer halben Minute erledigt, dann wird noch der halbe Wassernapf ausgesoffen – und dann ist erst einmal Zeit für ein Schläfchen.

JA! Ich bin ur-süß, streichelt mich, streichelt mich, streichelt mich! (c) Ursula Hummel

JA! Ich bin ur-süß, streichelt mich, streichelt mich, streichelt mich! (c) Ursula Hummel

Am Abend, wenn Herrchen und Frauchen in den Kasten mit den bewegten Bildern schauen, kommt die zweitbeste Zeit des Tages: Schmusezeit. Auf die Couch darf ich nicht, Frauchen sagt, ich würde zu viele Haare darauf hinterlassen, lächerlich – jedes Beaglehaar verschönt doch ein Möbelstück. Aber auf den Ohrensessel darf ich, gemeinsam mit Herrchen oder Frauchen und dann wird gekuschelt, was das Zeug hält.

Spätabends, wenn ich schon gaaaaaaaaaaaaanz müde bin, schnappt mich Herrchen und sagt: „Letzte Runde!“ Ich versuche ihm dann immer klar zu machen, dass ich schon viel zu müde bin und gar nicht mehr raus will – und dass ich es locker ohne Pipimachen aushalte bis zum nächsten Morgen. Aber es hilft alles nichts: Ich muss auf zur Ausleerrunde. Ja, echt, Herrchen und Frauchen sagen: „Wir müssen den Hund noch ausleeren!“ Degoutant! Wenn wir dann zurück sind, dann trabe ich gemütlich in meine Box, die im Schlafzimmer steht – ins Bett darf ich nämlich nicht, Schweinerei! – und es folgt „das Gemütlich machen“. Das bedeutet, ich muss mir meine Decken so hinlegen, dass sie sich auch richtig bequem anfühlt, das kann dauern! Schließlich lasse ich mich mit einem tiefen Seufzer fallen, rolle mich zusammen und schlummere ein.

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