Dachschaden – zwei Neurochirurginnen decken auf

c) Kyungmi Park, Gestaltung: Cornelia Lein, alle Rechte bei edition a

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Warnung: Menschen, die mit Medizin nicht viel am Hut haben, sollten wissen, dass das Buch der beiden Ärztinnen so manches Mal die Ekelschranke überspringt. Und manche Vorgänge, die die beiden während ihrer Arbeit an den neurochirurgischen Abteilungen an der Universitätsklinik in Wien und am Krankenhaus Feldkirch beobachtet haben, lassen einem die Idee, sich bei einer akuten Gehirnblutung lieber selbst zu operieren, als an eine österreichische Neurochirurgie zu gehen, geradezu glänzend erscheinen.

Wie es scheint, beherbergen neurochirurgische Abteilungen in Österreich fast ausschließlich männliche Egomanen, die kaum Ahnung haben, von dem, was sie tun – sich aber für die Größten halten. Besonders gut kommt das in jenen Szenen zum Ausdruck, in denen die AutorInnen die tägliche Morgenbesprechung schildern, auf der jedeR einen quasi reservierten Sessel hat. Ist der von jemandem besetzt, der „dort nicht sitzen darf“, kommt es offenbar zu tumultartigen Szenen mit Geschrei und Handgreiflichkeiten.

Gut – könnte man meinen – Neurochirurgen sind also Großmäuler – soll sein, wenn sie auf ihrem Gebiet hervorragende Arbeit leisten. Glaubt man Marion Reddy und Iris Zachenhofer, den beiden Autorinnen von „Dachschaden“, ist dies aber leider nicht der Fall. Einige der geschilderten Fälle sind kaum zu glauben: Da bereitet sich etwa ein Operateur, der auf Wirbelsäulenchirurgie spezialisiert ist, auf die Entfernung eines Akustikneurinoms (Tumor in der Nähe des Gesichtsnervs) mittels der Betrachtung eines Operationsvideos vor. Nota bene: Die Entfernung gelingt, allerdings unterläuft dem Skalpellgenie dabei ein „kleiner“ Fehler: Er entfernt den Gesichtsnerv der jungen Frau gleich mit, was dazu führte, dass eine Gesichtshälfte herabsank und unbeweglich wurde– trocken berichten die Autorinnen, wie sich die zuvor attraktive Frau aufgrund des verpfuschten Eingriffs zu Tode soff.

Bei einer anderen Tumorentfernung schaffte es der Chirurg das Sprachzentrum der Patientin zu zerstören – sie konnte weder lesen, noch schreiben, noch sprechen, als sie aus der Narkose aufwachte – und sie konnte es auch nie wieder erlernen – auch hier stand am Ende ein Selbstmord.

Von anderen Kleinigkeiten, wie der Aufnahme von PatientInnen, die dann drei Wochen auf ihre geplante Operation warten und dabei auf Station bleiben mussten oder der Tatsache, dass kein Neurochirurg jemals krank zu Hause blieb, sondern viel lieber seine Viren und Bakterien auf seine KollegInnen und PatientInnen verteilte, braucht man da gar nicht mehr reden.

Ein weiteres Thema: Die Ausbildung. Beide Chirurginnen absolvierten ihre Ausbildung an einer der eingangs erwähnten Spitäler – und lernten – richtig – nichts. Die häufigsten Tätigkeiten, so schreiben Sie, wären das Nachdiktieren von Arztbriefen und das Holen von Essen (wo gibt es das beste Sushi?) gegeben. Einen OP hätten sie nur höchst selten von innen gesehen – nicht zu reden von der Möglichkeit, Operationen unter Anleitung selbstständig durchzuführen.

Marion Reddy ist inzwischen als Neurochirurgin in Toulouse tätig, wo sie, wie sie schreibt, praktisch ihre gesamte Ausbildung erneut absolvierte, obwohl sie bereits approbierte Fachärztin war. Iris Zachenhofer hat überhaupt umgesattelt – sie ist jetzt Psychiaterin und arbeitet am Suchtzentrum im Wiener Otto-Wagner-Spital.

Fazit: Ein ziemlich erschütternder Bericht, der für einige Aufregung sorgen wird. Allerdings ist eines heftig zu kritisieren: Offenbar wurde das Buch nicht lektoriert, obwohl ein Name als “Lektor” genannt ist. Und das ist schade. Abgesehen von einer Unmenge von Tipp- und Rechtschreibfehlern ist das Buch auch in einer knappen, teilweise extrem groben Sprache gehalten. Begründet wird das mit der Wiedergabe des Tones der auf neurochirurgischen Abteilungen herrsche. Das kann ich nachvollziehen. Dennoch: Ein liebevolles Lektorat hätte das Buch deutlich leichter lesbar und damit noch glaubwürdiger gemacht.

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