Prostitution verbieten!

Oiso – ich versteh das nicht!

50 Shades of Grey: Verquere Prostitutionsdebatte. (c) AnneLeven Istockphoto

50 Shades of Grey: Verquere Prostitutionsdebatte. (c) AnneLeven Istockphoto

Seit Wochen wird diskutiert. Hitzig, mal sachlich – häufiger ganz und gar nicht sachlich, sondern untergriffig, mit falschen Zahlen und Behauptungen, die mich immer mal wieder bitten lassen: Göttin – schmeiß Hirn herunter. Und sie geht weiter: Die Diskussion um ein Prostitutionsverbot. Angestoßen hatte die Debatte einmal mehr Alice Schwarzer (und es ist ihr gar nicht genug dafür zu danken).

Ich will jetzt gar nicht im Detail auf die teilweise vollkommen abstrusen Argumente gegen ein Prostitutionsverbot eingehen, die in Zeitungen, Fernsehen und Internet derzeit kolportiert werden. Vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ist immer wieder mal gern die Rede – ein Argument, das die kluge – vor kurzem verstorbene – Historikerin Gerda Lerner, widerlegt: „«Frauen wurden zu Prostituierten, weil ihre Eltern sie in die Sklaverei verkaufen mussten oder weil ihre verarmten Ehemänner sie zu diesem Zweck benutzten. Oder sie übernahmen eine selbständige Tätigkeit als letzte Alternative zur Versklavung.».

Und in einem vor kurzem publizierten Artikel im Tagesanzeiger klärt die Prähistorikerin und Wissenschaftsautorin Genevieve Lüscher ebenfalls auf: „Dass die Prostitution das älteste Gewerbe der Menschheit sein soll, ist unwahrscheinlich. Erste schriftliche Quellen stammen aus dem antiken Griechenland und sind rund 2500 Jahre alt.“

Triebgesteuerte Ungeheuer

Gern wird auch immer wieder argumentiert: Wird die Prostitution verboten, wird die Vergewaltigungsrate ansteigen. Echt jetzt? Männer sind also triebgesteuerte Ungeheuer, die – wenn sie sich nicht regelmäßig an Prostituierten abreagieren können – sich sofort auf wehrlose Frauen auf der Straße stürzen? Also: Mein Männerbild ist das nicht. Und jene Männer, die zu meinem Freundeskreis gehören, würden dies wohl auch entrüstet von sich weisen. Es gibt schließlich Hilfsmittel, um „angestaute Lust“ zu befreien – eine davon ist die rechte Hand – oder die linke, was immer sie bevorzugen, meine Herren.

Ein ebenso heiß diskutiertes Argument ist die Freiwilligkeit. In Deutschland ziehen derzeit vier oder fünf sogenannte „freiwillige Prostituierte“ durch die Talkshow-Landschaft. Sie verkünden fröhlich, wie glücklich sie mit ihrem Job wären, wie gerne sie ihren Körper verkaufen würden und wie toll das insgesamt ist. Ja: Ich gebe es gerne zu: Es wird wahrscheinlich von den vielen tausenden Prostituierten fünf geben, die das selbstbestimmt und freiwillig tun. Die Übrigen allerdings, die weit überwiegende Anzahl von Frauen, die sich prostituieren, tun dies NICHT FREIWILLIG. Und es ist völlig egal, ob es ökonomische Zwänge, verquere Abhängigkeitsverhältnisse, Verschleppung, Armutsgefährdung oder andere Gründe hat: Prostitution ist fast immer nicht freiwillig.

Das Märchen von der Selbstbestimmung

Und komme mir jetzt niemand mit: Diese Frauen sollen doch selbst entscheiden können, wie sie ihr Geld verdienen und welchen Bedingungen sie sich unterwerfen wollen. Nicht, dass ich dagegen bin. Allein – es wird nicht passieren. Menschen, die aus bestimmten Zwängen heraus ihre Sexualität verkaufen müssen, tun dies (fast) immer unter Bedingungen, die sich ungefähr so gestalten: Ein Freier pro Stunde (das scheint mir ja schon fast luxuriös zu sein), kein Kondom, wenig Kohle. Dazu muss dann die Lebenshaltung bestritten, oft Kinder versorgt – und irgendwann ja wohl auch mal geschlafen werden. Sicher: Diese Frauen nehmen sich bestimmt regelmäßig Zeit, sich in Ruhe hinzusetzen, die Hand an die Denkerstirn zu lehnen und darüber zu reflektieren, wie sie ihre Arbeit wohl selbstbestimmt und frei gestalten können. Der Alltag wird wohl anders aussehen.

Was ist falsch daran, sich Gedanken über Menschen zu machen, die in unserer Gesellschaft zu den Benachteiligten und Unterdrückten gehören? Was ist falsch daran, Hilfestellung anzubieten, Diskussionen anzustoßen und sich Zeit zu nehmen? Oiso: Ich versteh`s nicht.

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3 Kommentare zu “Prostitution verbieten!”

  1. Kassiopeia sagt:

    ja, sie verstehen es nicht: genau denen, die es “nicht freiwillig” tun hilft das verbot am wenigsten, schadet ihnen aber am meisten. glauben sie, die menschenhändler die jetzt schon jedes verbot brechen, kümmern sich um freierstrafen? kann man das wirklich glauben?
    verbote von prositution und ihrem kauf gab es zu allen zeiten und vermutlich überall – immer haben sie die lage der prostituierten am meisten verschlechtert. (ein blick in ein buch zur geschichte der prostitution hilft.) so wie zb momentan in schweden. wenn sich die freier verstecken müssen, dann müssen das auch die prostituierten.
    die verbotsforderung, die fast alle NGOs (prostituition und übrigens auch menschenhandel) und alle prostituierten vehement ablehnen hilft niemandem. die diskussion hat übrigens alice schwarzer nicht angestossen. und nur weil man schon mal sex hatte weiß man noch lange nicht, wie man menschenhandel behindert oder reduziert. der ist übrigens längstens verboten und hart sanktioniert, falls ihnen das noch nicht aufgefallen ist. vielleicht sollten sie das nächste mal ein bisschen recherche machen, bevor sie einen blogartikel schreiben. denn ein verbot von prostitution fordert niemand. und warum sie glauben zu wissen, dass nur ein hand voll freiwillig am strich steht wüsste ich auch gern, zahlen dazu gibt es nämlich nirgends.

  2. Fischismus sagt:

    wow – sehr viel wut, wenig wissen, würde ich jetzt mal unterstellen. untergriffig auch noch. solche kommentare mag ich. weil menschenhandel verboten ist und streng sanktioniert ist, werden ja auch jedes jahr massenhaft menschenhändler aus dem verkehr gezogen und zu langen haftstrafen verurteilt (irony off). also mir wäre das nicht aufgefallen. aber – weil ich ja bloss journalistin bin (also auch nicht fähig zur recherche) habe ich das wahrscheinlich verpasst. sie haben also tatsächlich persönlich all die vielen zwangsprostituierten gefragt, ab sie gegen ein verbot sind? echt? wow! das war ja dann wirklich viel arbeit. ich hätte gern die transkriptionen oder bänder dieser tausenden von interviews. könnte man eine spannende geschichte daraus machen. was ich mich allerdings wirklich, wirklich frage: warum kämpfen so viele menschen für etwas, das so falsch ist, wie sexarbeit? gibt es denn nicht andere dinge für die wir kämpfen können – wie etwa gleiche rechte für frauen? nur ein gedankenanstoss. und bitte: falls sie einen weiteren kommentar schreiben wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen – aber lassen sie bitte persönliche an- und untergriffe. vielen dank.

  3. Manu sagt:

    danke für den Blogeintrag – mensch liest im Moment so viel schlimme Dinge (grade aus der Feder von Feminist_innen), da ist das ein schöner Lichtblick!

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