Sichtweisen

Nach der vergangenen Wahl sollte eine eigentlich nichts mehr überraschen in Sachen “Ausländerfeindlichkeit” – tut es aber dann doch hin und wieder – zum Beispiel am vergangenen Sonntag. Wir waren beim Nachmittagsspaziergang, der Liebste, der Hund und ich. Und um uns das Ganze ein bisschen zu versüßen (habe ich schon erwähnt, dass wir ziemliche Couchpotatoes sind?) hatten wir uns ein leckeres Ziel gesetzt: Die Konditorei Groissböck bei der U-Bahnstation Meidling Hauptstraße

ESTRELA-Bericht wird an Ausschuß zurückverwiesen

ESTRELA-Bericht wird an Ausschuß zurückverwiesen

Das Wetter war herrlich, aus der Bäckerei roch es geradezu verboten gut. Wir traten ein. Vor uns war ein älterer Herr, der offenbar gerade irgendeine Torte bestellt hatte und diese nun bezahlen wollte. Die (sehr freundliche) Verkäuferin mit migrantischen Wurzeln nannte ihm eine Summe. Der Mann greift in seine Brieftasche, zieht einen Fünfeuroschein heraus, der ein wenig mitgenommen aussieht und sagt: “Den kaun a nur a Jugo in da Hand ghobt hobm, so wie der ausschaut”, und reicht ihn der Verkäuferin. Ich dachte zuerst, ich hätte nicht richtig gehört. Dann sagte ich laut: “Na da hört man das goldene Wiener Herz mal wieder in Reinkultur!” was der Verkäuferin ein Lächeln entlockte. Der alte Herr, der sich soeben so nett geäußert hatte (irony off), litt offensichtlich unter Schwerhörigkeit und ging, um am Kaffeestand sich die notwendige Flüssigkeit für seine Torte zu beschaffen.

Gestern wiederum war ich nachmittags mit meinem Hund unterwegs in den 15. Bezirk, um dort ein Interview mit den Leiterinnen des Projekts login zu führen. Ich kannte mich in der Gegend nicht aus, hatte mir also sinnvollerweise einen Stadtplan mitgenommen. Ich war auch ungefähr auf dem richtigen Weg, mir aber an einem – wie sich herausstellte – schon recht meinem Ziel nahen Abschnitt und war stehen geblieben, um einen Blick auf meinen Stadtplan zu werfen. Kurze Zeit später sprach mich eine Frau mit Akzent (serbisch, glaube ich) an: “Brauchen Sie Hilfe?” Ich sagte ja, fragte, wo denn mein Ziel zu finden sei und fand es kurz darauf auch tatsächlich.

Heute nun wurde im EU-Parlament eine wichtige Vorlage zur Abstimmung vorgelegt, der ESTRELA-Report . In diesem Antrag geht es um nichts weniger als die Gesundheit und Sicherheit für Frauen, den Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Die Abstimmung wurde von der FPÖ-Europfraktion so nachhaltig gestört, dass sie an den Ausschuß zur Beratung zurück verwiesen wurde. Gelesen habe ich von Schreiduellen und ähnlichem – Super!

Was mein Sonntagserlebnis und die Abstimmung miteinander zu tun haben? Nicht viel. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick dann schon wieder ganz viel. Denn Ausländerfeindlichkeit, Ultrakonservativismus und die Beschneidung von Frauenrechten gehen immer wieder gerne Hand in Hand. Deswegen: Haltet Augen und Ohren offen! Postet, regt Euch auf – auch bei Alltagsrassismen. Mein Liebster hat schon recht, wenn er sagt: “Und je mehr Stimmen die Rechten bekommen, desto lauter äußern sich die Westentaschennazis.”

Post to Twitter Tweet This Post Post to Facebook http://www.facebook.com/fischismus



Einen Kommentar schreiben:

Du mußt angemeldet sein um einen Kommentar abgeben zu können.