Buch: Sonia Mikich: „Enteignet – Warum uns der Medizinbetrieb krank macht“

c) Bertelsmann Verlag

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Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“, dieses Zitat des Dichters Heinrich Heine fiel mir ein, als ich das neue Buch der deutschen Fernsehjournalistin Sonia Mikich zu Ende gelesen hatte. Das Werk ist ein – persönlich gefärbtes – Sachbuch. Es liest sich aber eigentlich mehr wie ein Horrorschocker. Das liegt nicht etwa daran, dass es schlecht geschrieben oder gar recherchiert wäre – ganz im Gegenteil. Mikich hat, gemeinsam mit ihren KollegInnen Ursel Sieber und Jan Schmitt, den deutschen Medizinbetrieb genauestens unter die Lupe genommen, hat mit ProtagonistInnen ausführliche Interviews geführt und das deutsche Gesundheitssystem insgesamt sauber seziert, um im Jargon zu bleiben.

Drehtür-PatientInnen

Und was sie da mit ihren beiden Kolleginnen geschrieben hat, jagte mir als Leserin einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken. In Deutschland wurde 2003 die sogenannte „Fallpauschale“ eingeführt, ein System, bei dem der Behandlung jeder Erkrankung ein bestimmter Geldbetrag zugemessen wird. Zuvor war – wie lange Zeit auch in Österreich – nach Liegedauer der PatientInnen im Krankenhaus abgerechnet worden. Was als ambitioniertes und transparentes Projekt ersonnen wurde, ging gewaltig nach hinten los.

Sparen auf Teufel komm raus

Denn jetzt war Sparen angesagt. Und als nach relativ kurzer Zeit klar war, dass die Krankenhäuser auch mit Sparprogrammen nur schwer aus den roten Zahlen kommen, wurde auf Teufel komm raus privatisiert. Denn private Krankenhausträger hatten entdeckt, dass und wie man mit dem „Geschäft mit der Krankheit“ massive Gewinne eingefahren werden können.

Immer mehr PatientInnen

Sonia Mikich. (c) Bernd Lammel

Sonia Mikich. (c) Bernd Lammel

Mikich und ihre KollegInnen zeigen auf, welchen Sparvorgaben jene Häuser unterworfen wurden, die an private Träger verkauft wurden. Da sollen etwa in einem Haus viel mehr Transplantationen vorgenommen werden, weil die die höchsten Fallpauschalen einbringen würden. In anderen Häusern wird – sinnloserweise, wie das mittlerweile auch wissenschaftlich belegt ist – an Knien und Wirbelsäulen herumgedoktert, weil auch das viel Geld bringt. Und wieder andere Häuser schieben jeden Patienten/jede Patientin, die über Brustschmerzen klagt, schnell noch durchs Katheterlabor – weil auch das Mehreinkünfte bringt. Ein besonderes Zuckerl sind die sogenannten „Bonussysteme“ für ChefärztInnen. Hatten die bislang üblicherweise ein Fixgehalt bezogen, kommen immer häufiger Verträge zum Einsatz, die nur einen Teil des Geldes als Fixum ausweisen – der Rest ist Bonus, etwa, wenn der Chefarzt/die Chefärztin mindestens fünf Prozent mehr „Patientenaufkommen“ aufweist als im Jahr zuvor.

Wer braucht schon Menschen?

Die menschliche Komponente bleibt dabei auf der Strecke. Einsparungen gab und gibt es bis heute vor allem beim Pflegepersonal. So ist in vielen deutschen Krankenhäusern heute geübte Praxis, PatientInnen mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen auf eine gemeinsame Station zu legen – weil „Pflege ist Pflege“. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn, weil Pflegekräfte sich genauso spezialisieren, wie ÄrztInnen. Aber es spart Geld. Ebenso üblich ist es, nachts nur noch eine Pflegekraft auf einer Station zu beschäftigen. Und da kann es dann schon mal vorkommen, dass ein Patient aus dem Bett fällt und bis morgens liegen bleibt, weil die Pflegekraft am anderen Ende der Station mit einer anderen schwerkranken oder sterbenden Patientin beschäftigt ist.

Gruselige Realität

Und all dies ist nicht etwa ausgedacht, vermutet oder verdächtigt: Für jede dieser Behauptungen bringt die Journalistin und bringen ihre KollegInnen hieb- und stichfeste Beweise. Alles das, was sie schreibt, ist richtig – und deswegen auch eines Gruselromans würdig – eines allerdings, der fest in der Realität verwurzelt ist.

Knapp entkommen

Sonia Mikich hat sich nach einer eigenen, schrecklichen Krankenhauserfahrung, mit dem Thema „Krankenhaus- und Gesundheitssystem“ zu beschäftigen begonnen. Sie selbst, die sicherlich normalerweise kein Problem hat, ihre Ansichten zu argumentieren und für sich einzustehen, berichtet am Anfang des Buches, wie hilflos und ausgeliefert sie sich dem System Krankenhaus gefühlt hatte, als sie mit einer unklaren Diagnose eingeliefert worden war. Letztlich „entkam“ sie wieder – und wurde gesund. Allerdings erst nach einer Unzahl von Untersuchungen, diagnostischen Eingriffen und anderen medizinischen Handlungen, die – so weiß sie heute – zum allergrößten Teil unnötig, möglicherweise sogar gefährlich gewesen sind.

Mikich schildert in ihrem neuen Buch die Zustände in den deutschen Krankenhäusern, wie sie sind – und es ist weder eine rasche Besserung zu erwarten noch – dies ist meine Einschätzung – wird dies in Österreich noch sehr lange auf sich warten lassen. Ansätze sind schon zu beobachten.

Nicht gegendert – schade!

Einziger Schwachpunkt: Obwohl mittlerweile im Medizinbetrieb etwa gleich viele Frauen wie Männer arbeiten – an allen Stellen des Gesundheitssystem und obwohl Frauen und Männer wohl etwa gleich häufig ins Krankenhaus müssen (Frauen wohl, aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung, sogar noch häufiger) ist das Buch nicht gegendert. Es ist lediglich die Rede von ÄrztEN, PatientEN, Krankenpflegerinnen heißen „Krankenschwestern“, während ihre männlichen Kollegen, als Krankenpfleger tituliert werden. Das ist erstens sehr schade, hat zweitens beim Lesen sehr gestört und bildet drittens nicht die Realität ab. Und deswegen empfehle ich das Buch zwar, weil es einen wirklich guten Einblick bietet, aber kritisiere diesen Mangel dennoch – gerade, weil es um den Gesundheitsbereich geht.

Notabene: Es wäre durchaus spannend, sich das „System Krankenhaus“ auch mal in Österreich von dieser Seite zu betrachten. Denn immerhin gilt hier schon seit 1997 die Leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung – also etwa das gleiche System wie in Deutschland.

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