Alt sein…

Wenn sogar das hinsetzen schwierig wird. (Symbolfoto)

Wenn sogar das hinsetzen schwierig wird. (Symbolfoto)

Im nachfolgenden Text versuche ich, den Alltag meiner 87jährigen Schwiegermutter wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen. Der beschriebene Sturz und der Knochenbruch haben sich ebenso ereignet, wie der erneute Sturz und die heftige Prellung der Wirbelsäule. Derzeit befindet sie sich auf der Pflegestation, in dem PensionistInnenwohnhaus, in dem sie bislang in einem eigenen Appartement gelebt hat. Weitgehend selbstständig. Sie soll es wieder lernen, das selbstständig sein. Aber es fällt ihr schwer. Mein Mann, meine Schwägerin und ich besuchen sie regelmäßig, versuchen sie zu motivieren, wieder (buchstäblich) auf die Beine zu bringen. Aber es ist schwer. Sie will – und will doch nicht. Um sie besser zu verstehen, ihr Leben besser nachvollziehen zu können, habe ich die nachfolgend beschriebene Situation für mich durchgespielt.

Es ist sechs Uhr morgens. Der Wecker piepst. Augen auf. Kraft sammeln. Zum Aufstehen. Vorsichtig jetzt. Ganz vorsichtig. Ah – da ist der Handgriff an der Seite des Bettes. Zum Sitzen hochziehen. Und jetzt die Beine. Langsam, langsam – vorsichtig über die Bettkante schieben. Wo sind jetzt wieder die Hausschuhe? „Ahhh!“ Ein Schmerz fährt vom Schulterblatt bis zum Steißbein. Nicht schlimm. Normal. Morgens ist sie ziemlich steif. Mit der Anziehhilfe für die Socken die Strümpfe über die nackten Füße streifen. Die Füße einzeln die Hausschuhe stecken. Noch kurz sitzen bleiben. Gähnen. Nun die Griffe des Rollators packen, der griffbereit vor dem Bett steht. Sind die Bremsen angezogen? Sind sie. Gut. Die Griffe fest fassen und langsam aufstehen. Sie steht, wackelig, mit schmerzendem Rücken und schmerzenden Beinen, aber auf den Beinen.

„Guten Morgen!“ sagt sie zu sich selbst und beginnt, mit Hilfe des Rollators, in Richtung Badezimmer aufzubrechen. Für die sechs Meter benötigt sie gute drei Minuten. Das Bad. Auf der Toilette ist ein merkwürdiges thronähnliches Gebilde befestigt – eine Art von Erhöhung, die das Hinsetzen erleichtert. Sie schiebt ins Bad. Vorsichtig jetzt, ganz vorsichtig. Sie dreht und schiebt den Rollator, bis sie mit der Rückseite genau über dem Sitz steht. Eine Hand vom Rollator nehmen, das Nachthemd raffen. Kurz die zweite Hand vom Rollator nehmen. Schwankend und halbgebückt steht sie da. Die Unterhose mit einer Hand runter ziehen. Das Nachthemd mit dem Ellenbogen festhalten. Wieder beide Hände an den Rollator. Die Bremsen anziehen. Vorsichtig auf den „Thron“ niederlassen. Erleichterung. Fertig. Sitzen bleiben, mit einer Hand die Klorolle fassen, mit der anderen Hand das Papier abrollen. Der Rest ist – vergleichsweise – einfach. Dann die ganze Prozedur wieder umgekehrt. Das Nachthemd mit dem Ellbogen einklemmen. Vorsichtig aufstehen. Die Griffe des Rollators fassen. Mit einer Hand festhalten. Vorsichtig bücken. Die Hose hochziehen. Wieder aufrichten. Die zweite Hand an den Rollator. Das Nachthemd fallen lassen. Einige kleine Schrittchen von der Toilette weg. Ganz vorsichtig einen Halbkreis beschreiben. Das Bad wieder verlassen.

Es läutet an der Tür. „Guten Morgen Frau X.“ Die Pflegehelferin begrüßt sie und nimmt sie fest am Arm. Gemeinsam trippeln sie zurück ins Badezimmer. Die Helferin hilft beim Ausziehen des Nachthemdes. Unterstützt beim Waschen. „Das kann ich alleine“, brummt sie und wäscht sich das Gesicht. Die Helferin bleibt an ihrer Seite, stützt sie am Arm. Die alte Frau nimmt die Zähne aus dem Behältnis in dem sie über Nacht gereinigt wurden. Abspülen, einsetzen. Fertig. Kämmen. Fertig. Am Arm der Pflegehelferin geht sie mit kleinen vorsichtigen Schrittchen wieder zurück ins Zimmer. „Was möchten Sie heute anziehen?“ fragt die Helferin. Sie öffnet den Kasten, deutet auf eine Hose, auf einen Pullover. Schwer lässt sie sich auf einen Sessel fallen. Wo Hosen und Mieder sich befinden weiß die Helferin schon. Sie nimmt die Sachen aus der Kommode neben dem Fenster. Die benutzte Hose wird ausgezogen, die Inkontinenzeinlage entsorgt. Vorsichtig streift die Helferin die neue Hose über die dünnen Beine der alten Dame. Eine neue Inkontinenzeinlage wird eingelegt. Das Mieder über den Kopf gezogen und zugeknöpft. Sie sitzt jetzt aufrechter. „Haben Sie Schmerzen?“ fragt die Helferin. „Ja“, brummt die alte Dame. „Wo?“ Die Pflegerin bleibt unerschütterlich höflich. „Im Rücken, in der Schulter, im Bein“, klagt die alte Dame. „Gleich kommt die Krankenschwester und bringt ihnen ihre Medikamente“, beruhigt die Schwester, während sie die leichte Sommerhose über die Beine der alten Dame zieht und den Pullover über Kopf und Arme stülpt. Endlich ist die Morgentoilette erledigt. Die Pflegerin bringt das Frühstück herein und geht. Sie ist allein. Nach der ersten großen Anstrengung des Tages fühlt sie sich bereits wieder erschöpft.

Sie trinkt ihren Kaffee, isst ihr Kipferl und liest die Zeitung von gestern. Wieder läutet es. Die Krankenschwester mit den täglichen Medikamenten. Viel muss sie nicht einnehmen. Etwas zur Vorbeugung gegen Herz-Kreislauferkrankungen, Kalktabletten gegen die Osteoporose, unter der sie leidet, Zuckerpillen, wegen eines leichten Diabetes. Und natürlich die Schmerztabletten. Seit sie drei Monate zuvor beim Anziehen der Schuhe gestürzt ist und sich den Oberschenkel gebrochen hat, hat sie dauernd Schmerzen. Die machen sie übellaunig und langsam. „Ich bin ganz unnütz!“ hat sie beim letzten Besuch zu ihrem Sohn gesagt. „Ich kann gar nix mehr.“ Obwohl sie operiert worden war, erfolgreich und in der Reha wieder gehen gelernt hat, ist sie ständig verärgert, weil alles, was schon vorher nicht mehr leicht gewesen war, aber immerhin allein erledigt werden konnte, plötzlich so große Schwierigkeiten macht. Sie ist stur. Und stark. Das weiß sie auch. Aber manchmal denkt sie: „Ich will nicht mehr.“ 87 Jahre ist sie mittlerweile alt. Hat die Eltern begraben, den eigenen Ehemann und fast alle ihre FreundInnen. Dennoch hat sie bislang noch nicht aufgegeben. Aber die Entschiedenheit bröckelt. Heute will sie in den Garten gehen, sich unter einen Baum setzen und die linde Luft genießen. Aber vorher noch ein bisschen ausruhen. Der Kopf ist schwer. Wieder stemmt sie sich hoch, die Armlehnen des Sessels helfen dabei. Der Rollator steht griffbereit. Die Bremsen sind angezogen – zumindest glaubt sie das. Als sie sich beginnt, am Rollator festzuhalten, rutscht das blöde Ding davon. Sie macht einen hilflosen Schritt nach hinten und fällt, fällt auf den Hintern und stößt sich den Kopf hart am Tischbein an. Schmerzen! Im Kopf im Rücken, im Steißbein. Sie sitzt hilflos auf dem Boden. Drückt den Knopf ihres Notfallarmbandes. „Frau X. ist etwas passiert?“ tönt es aus dem Lautsprecher unter der Couch. „Ich bin gefallen!“ stammelt sie. „Ich blute“ und „ich kann nicht aufstehen.“ „Bleiben Sie ganz ruhig, gleich kommt jemand.“ „Bleiben sie ganz ruhig“, murmelt sie erbittert vor sich hin. „Was bleibt mir denn anderes übrig?“ Ein paar Tränen laufen ihr über die Wangen.

Wenige Minuten später öffnet sich die Eingangstür zum Zimmer, zwei Krankenpflegerinnen kommen herein. Sie untersuchen Sie, versorgen die kleine Kopfwunde und setzen sie aufs Bett. „Wollen Sie ins Krankenhaus zum Röntgen?“ fragt eine der beiden. Sie lehnt erbittert ab. „Nein, ich will hierbleiben.“ Eine der beiden Pflegerinnen ruft den Sohn an, berichtet, was geschehen ist: „Nein, sie hat nichts gebrochen“, wird er beruhigt. „Nur eine kleine Platzwunde und eine heftige Prellung der Lendenwirbelsäule.“ Die alte Dame liegt inzwischen auf dem Bett. Klein sieht sie aus. „Aber was soll ich denn jetzt tun?“ fragt sie. „Ruhen Sie sich aus“, wird sie angewiesen. „Wenn Sie schlimme Schmerzen bekommen oder wenn ihnen schlecht wird, drücken Sie auf den Notfallknopf.“ Die Pflegerinnen verlassen das Zimmer.

Sie liegt auf dem Bett, der Rücken schmerzt, der Kopf schmerzt. Sie starrt an die Decke. Stundenlang. „Was wird jetzt passieren?“ denkt sie. Und: „Wird das jetzt immer so weitergehen?“ Eine endlose Reihe von Unannehmlichkeiten zieht vor ihrem inneren Auge vorbei. Immer wieder aufrappeln, immer wieder neu gehen lernen – und immer wieder stürzen.

Foto: © Brian Donnelly, LifeSpan Furnishings, LLC; provided to the CDC by Richard Duncan, MRP, Sr. Proj. Mgr, North Carolina State University, the Center for Universal Design

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Ein Kommentar zu “Alt sein…”

  1. Livia sagt:

    Danke. Es tut uns allen wohl gut, ab und zu daran erinnert zu werden, dass die “lästigen” Alten nicht aus Bosheit lästig sind.

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