Elfjährige muss Kind bekommen

Eine lebendige Puppe im Arm halten...

Eine lebendige Puppe im Arm halten...

Dieser Blogbeitrag schreibt sich schwer. Ich habe Magenschmerzen, und mir ist übel. Dennoch schreibe ich, weil derartige Ungeheuerlichkeiten aufgezeigt werden müssen, weil derartige Situationen geändert werden müssen, weil mich die Story nicht loslässt. Hier die Fakten: In Chile wird ein elfjähriges Mädchen zwei Jahre lang von seinem Stiefvater vergewaltigt. Es ist neun Jahre alt, als diese Vorgänge anfangen. Mit elf Jahren wird das Mädchen schwanger. Mit elf! Ein Kind, das ein Kind bekommt, wenn es je eines gab. Sie will das Kind behalten. Und sagt, „ich werde es wie eine Puppe im Arm halten“ Der Präsident von Chile, ein reizender Mensch namens Sebastian Pinera von der konservativen Partei (Überraschung!) attestiert dem Mädchen – und das ohne sich dafür in Grund und Boden zu schämen Tiefe und Reife“.

Und die Großmutter des Mädchens, die die sexuelle Gewalt gegen das Mädchen aufgedeckt und angezeigt hatte (was ihr hoch anzurechnen ist – sie hat inzwischen auch die Vormundschaft für das Kind), findet es auch in Ordnung, wenn ein elfjähriges Kind ein Kind bekommt. Sie sagt: „Wenn ihr das jemand wegnehmen will, wird er ihre Seele zerstören.“

Seele zerstört

Ohne die beteiligten Personen zu kennen, gehe ich doch davon aus, dass die Seele dieses armen Kindes nach zweijähriger andauernder sexueller Gewalt durch ihren Stiefvater (der inzwischen in Untersuchungshaft sitzt) bereits ziemlich zerstört ist. Aber selbst wenn die Kleine wollte, ein Schwangerschaftsabbruch kommt in Chile nicht in Frage. Einem Gesetz des Ex-Diktators Augusto Pinochet aus dem Jahr 1973 zufolge sind Schwangerschaftsabbrüche in Chile in jedem Fall verboten, egal, ob die Schwangere Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, ob sie viel, viel zu jung ist, ein Kind zu bekommen oder ob das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Wer erwischt wird (und das gilt sowohl für die Frau, die abbrechen will als auch für die Ärztin/den Arzt der den Abbruch durchführt) wird mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft.

„Belèn“, wie das Mädchen in den Medien genannt wird, sollte keine „lebendige Puppe“ im Arm halten. Sie sollte mit Puppen spielen, zur Schule gehen, unbeschwert und fröhlich sein. Nicht vergewaltigt, nicht schwanger. Immerhin hat der Fall der Elfjährigen nun eine breite Diskussion zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“ in Chile ausgelöst. Amnesty International fordert die Erlaubnis zu einem Abbruch für das Mädchen. Und Giorgio Agostini, ein forensischer Psychologe, der mit Opfern sexueller Gewalt arbeitet, meint in diestandard.at: „Was der Präsident sagt, hat nichts mit der psychologischen Entwicklung einer Elfjährigen zu tun. Es ist eine subjektive Meinung und entbehrt jeder wissenschaftlicher Grundlage.“

Chance nicht genützt

Die Ex-Präsidentin von Chile, Michele Bachelet (die während ihrer Amtszeit allerdings auch nichts am restriktiven Gesetz geändert hat) und die heute für die UN-Frauenorganisation tätig ist, sagte in einem Interview mit dem Radiosender ADN „Belen ist ein Mädchen, das sein ganzes Leben noch vor sich hat und sie braucht Schutz. Deshalb ist in diesem Fall, nach einer (Sic!) Vergewaltigung der Abbruch die richtige Entscheidung.“

Bachelet wird bei der nächsten Präsidentschaftswahl in Chile wieder kandidieren. Es stellt sich die Frage, ob sie diese unhaltbare Situation für Frauen verändern und das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen abschaffen wird. Schätzungen zufolge kommt es in dem südamerikanischen Land jährlich zu etwa 100.000 illegalen Abbrüchen, mit allen Gefahren, die eine solche Situation mit sich bringt.

Für das elfjährige Mädchen ist es aber ohnehin zu spät. Sie muss, sie wird das Kind, das ihr Stiefvater mit ihr gezeugt hat, bekommen. Ihre Kindheit endete mit neun Jahren. Manchmal kann man gar nicht so viel essen, wie man kotzen will.

Zum einen seien eine Schwangerschaft und eine Geburt für den Körper eines jungen Mädchens alles andere als gesund; zum anderen könnten vergewaltigte Frauen und Mädchen das Ausmaß einer solchen Entscheidung nicht ab- und einschätzen. “Was der Präsident sagt, hat nichts mit der psychologischen Entwicklung einer Elfjährigen zu tun. Es ist eine subjektive Meinung und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage”, sagt Giorgio Agostini, forensischer Psychologe, der vor allem mit Opfern von sexuellem Missbrauch arbeitet.

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3 Kommentare zu “Elfjährige muss Kind bekommen”

  1. Moment! Das Mädchen will das Kind behalten. Wieso also “muss das Kind bekommen”?! Genau umgekehrt wäre es doch falsch, wenn man zwangsabtreiben würde!!

    Ja, das Mädchen wurde missbraucht. Aber ich traue ihm zu, dass es sich sagt: “Mein Kind soll es einmal besser haben als ich”.

    Das von Feminist_innen erkämpfte “Mein Bauch gehört mir!” muss in beide Richtungen gelten. Ja, das Mädchen weiss nicht, was es sich da antut. Aber es spricht nichts dagegen, dass es mit seinem Kind wie Geschwister aufwächst, besonders wenn sich die Großmutter entsprechend darum kümmert und jetzt auch von aussen entsprechende Hilfe kommt.

    Das Perfide am Missbrauch ist, dass die Wünsche und Bedürfnisse des Opfers ignoriert und negiert werden und dadurch das Selbstvertrauen zerstört wird. Eine Zwangsabtreibung gegen den Willen des Mädchens wäre daher genauso Missbrauch.

  2. Fischismus sagt:

    meinen sie wirklich, ein elfjähriges kind, das noch dazu jahrelang sexueller gewalt ausgesetzt war, hätte die reife, ein kind auszutragen und groß zu ziehen? ich denke das wirklich nicht.

  3. U. Weise sagt:

    So sehr ich Ihnen in vielen Texten zustimme, so sehr muss ich an dieser Stelle Herrn Giersig zustimmen: Es gibt viele Frauen und Mädchen, die im Nachhinein mit den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs kämpfen. Wenn sich die Kleine sich tatsächlich für das Kind entschieden hat und sie nicht Mutter sein muss, …
    Für mich selbst steht auch fest, dass ich im Fall einer Schwangerschaft das Kind austragen würde. Alles andere würde ich nicht verkraften. Was genau also das Minimum des Schadens ist, ist von der individuellen Person abhängig (und ja auch eine 11-jährige ist imho Person genug um berücksichtigt zu werden).
    Das Großziehen wird die Großmutter hoffentlich übernehmen.

    Dass ein Abbruch legal nicht möglich ist, steht auf einen anderen Blatt.

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