Medizinstudium: EMS-Test hat ausgedient!

Mehr als 10.000 Menschen bewerben sich heuer um einen Studienplatz für Medizin. (c) Sabine Fisch

Mehr als 10.000 Menschen bewerben sich heuer um einen Studienplatz für Medizin. (c) Sabine Fisch

Es ist wieder soweit: Jedes Jahr zu Sommerbeginn spielt sich an den Medizinuniversitäten in Wien, Graz und Innsbruck das gleiche Spektakel ab: Zeit für die Aufnahmetests. 10.643 BewerberInnen sind es heute – wie immer bewerben sich deutlich mehr Frauen als Männer. Und eine Premiere gibt es auch: Erstmals wird ein einheitlicher Test an allen drei Unis eingesetzt. Das ist aber noch nicht alles: Sang- und klanglos fiel auch die gendergerechte Auswertung der Testergebnisse. Was war das doch im Vorjahr für ein Geschrei! „Frauen werden bevorzugt!“ war noch das netteste, was in den Gazetten zu lesen war. Gar bis zum Richter gingen einige abgelehnte Kandidaten – und verloren übrigens.

Heuer nun soll also ein gemeinsames, neues Testverfahren eingesetzt werden. Es wird sich zeigen, welche Ergebnisse diesmal herauskommen werden, denn die Erarbeitung neuer Testverfahren ist eine komplizierte Angelegenheit, wie auch die amerikanische Psychologin Diane F. Halpern in einem Interview mit der Tageszeitung “Die Presse” am 3. Juli sagt. Zumal dann, wenn tatsächlich Geschlechtergerechtigkeit herrschen soll.

Aus gegebenem Anlass daher ein Blogbeitrag aus dem Juli 2012 zum Thema: Studieneingangstests, Medizin und Gendergerechtigkeit:

Ich habe es so satt, so dermaßen satt, dass, wenn Frauen auf ihrem ohnehin häufig genug erschwerten Lebensweg, einmal ein geringer Vorteil eingeräumt wird, sofort “Ungerechtigkeit!” geschrien wird, Klagen angedroht werden und von “Frauenbonus” und die „Quotenärztinnen“ die Rede ist (Die Presse, 8. Juli 2012). Diesmal ist der Stein des Anstoßes jener Test, mit dem die Studierenden für Medizin in Wien ausgewählt werden.

Diesmal wurde beim Wiener Test zur Zulassung zum Medizinstudium also nach Geschlechtern getrennt ausgewertet. Das Ergebnis: 56 Prozent der Studienplätze gehen an Frauen. Das entspricht dem jahrelangen Durchschnitt – vor der Einführung des Zulassungstests. Lassen wir uns das also noch einmal auf der Zunge zergehen: Bevor die Tests eingeführt wurden (Wien und Innsbruck benutzen das gleiche Testverfahren, Innsbruck wertet allerdings nicht nach Geschlechtern getrennt aus, Graz hat ein eigenes Testverfahren) waren unter den StudienanfängerInnen seit mehreren Jahren immer mehr Frauen als Männer. Die Zahlen bewegen sich rund um die oben erwähnten 56 Prozent mit Ausreißern nach oben.

Dann wurde der Zulassungstest eingeführt. Ich bin nicht prinzipiell gegen solche Zulassungsverfahren. Es macht Sinn, nur so viele Studierende zum Medizinstudium zuzulassen, wie auch erfolgreich ausgebildet werden können. Der neue Studienplan, der seit 2002 in Kraft ist, beinhaltet intensive Praxisausbildung, die Kapazitäten sind daher logischerweise begrenzt. Also wurden an den drei Medizin-Unis (Wien, Innsbruck und Graz) Zulassungstests eingeführt. Der Wiener Test heißt EMS (Eignungstest Medizinstudium). Als der Test 2006 erstmals durchgeführt wurde, kehrte sich das Verhältnis plötzlich um: Deutlich mehr als 50 Prozent der Studienplätze gingen an Männer. Der Frauenanteil lag auf einmal nur noch zwischen 43 und 46 Prozent.

Das liegt jetzt nicht – auch wenn man das beim kollektiven männlichen Aufschrei der letzten Tage nach Bekanntgabe der EMS-Ergebnisse – vielleicht glauben sollte – an der prinzipiellen Blödigkeit von Frauen. Nein, es sind vielmehr strukturelle Ungleichheiten, die es Frauen ungleich schwerer machen, den EMS-Test genauso erfolgreich zu bestehen, wie ihre männlichen Kollegen. Ursachen dafür gibt es viele. So hat etwa die renommierte Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien in einer Studie 2009 bereits aufgezeigt, dass vor allem das enge Anforderungsprofil des Tests, dessen Fragen sich hauptsächlich um den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich drehen, einer der Gründe sein kann, warum die Studienbewerberinnen schlechter abschneiden. Soziale Kompetenzen werden dagegen kaum geprüft.

Nein – und auch hier ist nicht die prinzipielle Dummheit von Frauen schuld an deren schlechterem Abschneiden. Vielmehr fängt das Problem bereits in der Schule an. Die Bildungspsychologin Univ.-Prof. Dr. Barbara Schober, Mitarbeiterin von Christiane Spiel stellte 2009 in einem Artikel für die Österreichische Ärztezeitung fest: „Mädchen zeigen bei gleichen Schulnoten in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern schlechtere Leistungen im EMS.“ Sie führt das auf auch auf das Benotungssystem zurück. So werden Mädchen immer noch stärker fürs „Brav sein“ benotet, als Burschen. Das kann die tatsächliche Leistung verzerren.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen wurde von der MedUni Wien 2012 beschlossen, den Test zu gendern, das bedeutet, er wurde geschlechtergetrennt ausgewertet. Dies ist auch auf das Betreiben der Vizerektorin der MedUni Wien, Univ.-Prof. Karin Gutierrez-Lobos zurück zu führen, die in diesem Verfahren keineswegs eine Bevorzugung der Studienbewerberinnen sieht. In einem Interview mit Julia Neuhauser für die Tageszeitung „Die Presse“ vom 8. Juli wehrt sich die Vizerektorin gegen Vorwürfe: „Erstens einmal ist es kein Bonus. Und zweitens: auch keine Quote. Was wir machen, ist etwas, das bei jedem psychometrischen Test üblich ist: Wir bilden getrennte Mittelwerte für Männer und Frauen. Und dementsprechend werden dann auch die Plätze vergeben. Bisher sind die Männer bevorzugt worden. Wir versuchen hier einen Ausgleich zu schaffen.“

Aber da war es schon zu spät. Das Rauschen im Blätterwald hob an und wieder einmal wurde beklagt, wie bevorteilt Frauen doch prinzipiell wären, wie ungerecht die geschlechtergetrennte Auswertung; von Bonus und Quotenärztinnen war die Rede. Um das hier mal klar zu stellen: Nein, Frauen werden nicht bevorzugt. Es wird lediglich ein Zustand wieder hergestellt, der bereits jahrelang Status Quo war – ich habe das bereits anfangs dieses Kommentars erwähnt: Bis zur Einführung des Tests waren seit mehreren Jahren immer mehr als 55 Prozent der StudienanfängerInnen weiblich. Zweitens: Ja, es gibt strukturelle Benachteiligung für Mädchen und Frauen, da mögen die Studienbewerber, die Zeitungskommentatoren und wer sich sonst noch dazu berufen fühlt, eine Meinung zu diesem Thema abzugeben, noch so laut schreien. Und ja, mit der geschlechtertrennten Auswertung des EMS-Tests wurde hier wieder Chancengleichheit geschaffen. Und das ist gut so!

Post to Twitter Tweet This Post Post to Facebook http://www.facebook.com/fischismus



Einen Kommentar schreiben:

Du mußt angemeldet sein um einen Kommentar abgeben zu können.