Wir kinderlosen, asozialen NihilistInnen

Theo, das Neugeborene einer lieben Freundin schläft auf mir ein. Schön war das. (c) Günther Bretschneider

Theo, das Neugeborene einer lieben Freundin schläft auf mir ein. Schön war das. (c) Günther Bretschneider

Wenn Kinderlosigkeit zum Lebensziel wird, liegt die Welt im Sterbebett.“ Unter diesem Titel veröffentlichte der Chef des Hartmannspitals (ein Privatspital in Wien) seine Thesen zu jenen Menschen, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben. Und dann schreibt er von der „antisozialen Wirkung“ einer solchen Entscheidung und noch mehr Unsinn, bis hin zur – im Titel bereits erwähnten – „Welt am Sterbebett“. Das finde ich lustig. Wenn also Menschen sich dafür entscheiden, keine Kinder mehr zu bekommen, stirbt die Welt aus. Ja. Das ist dann wohl soweit richtig, sagt Lieschen Müller.

Genug da

Aber schauen wir uns das doch mal ein bisschen konkreter an. Insgesamt leben derzeit rund sechs Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde. Fast die Hälfte davon ist jünger als 25 Jahre (laut Stiftung Weltbevölkerung). Vom Aussterben also durchaus keine Spur. Im Gegenteil scheint mir und sagen es ja auch die Zahlen.

FortpflanzungsverweigererInnen

Was könnte nun der Herr Primar des Hartmannspitals meinen, wenn er von den antisozialen Menschen spricht, die sich doch glatt weigern, den Fortpflanzungsauftrag zu erfüllen, also keine kleinen Menschen in die Welt setzen? Ich habe da so einen Verdacht. Es geht ihm möglicherweise gar nicht um die Kinder – oder den Fortbestand der Gesellschaft im Allgemeinen. Schließlich leben auf der Erde schon beinahe mehr Menschen, als unser Planet fassen und ernähren kann.

Ich frage mich, ob es ihm viel mehr um die sogenannten „entwickelten Länder“ geht, in denen die Kinderanzahl tatsächlich seit einigen Jahren rückläufig ist. Das hat nun viele Gründe, nicht zuletzt die in vielen Ländern sehr marginalen Kinderbetreuungseinrichtungen, die Steine, die berufstätigen Müttern (es sind ja nach wie vor meist Mütter, die mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie Probleme haben) in den Weg gelegt werden, und was dergleichen Hemmnisse mehr sind. Ach ja und die Bildung natürlich. Gibt es doch eine ganze Reihe von Statistiken, die Folgendes nachweisen: Je besser Frauen ausgebildet sind, desto weniger Kinder bekommen sie.

Danke, aber nein danke

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum sich Frauen, warum sich Paare gegen Kinder entscheiden. Ich gehöre übrigens zu diesen „antisozialen“ Kinderlosen. Ich wollte nie Kinder, habe nie von einem kleinen Menschenwesen geträumt, das „mir gehört“, wie das oft so schön besitzergreifend gesagt wird. Kinder sind okay, wirklich – ich mag sie. Aber eigene haben – danke, aber nein danke.

Jetzt muss ich also damit leben, ein „antisoziales“ Geschöpf zu sein, das zum Aussterben der Gesellschaft beiträgt. Hmmmm. Na das macht mich jetzt traurig. Wirklich, ich sollte in mich gehen und schleunigst irgendwo noch einen Kinderwunsch herausholen – immerhin bin ich 42 – da wird’s Zeit. Nein, mein „Nicht-Kinderwunsch“ wird sich wohl nicht mehr ändern. Und das ist gut so. Immerhin: Ich bin seit 22 Jahren ununterbrochen berufstätig. Als Selbstständige leiste ich hohe Summen, die ich in die Sozialversicherung und an das Finanzamt bezahle. Als Schwiegertochter kümmere ich mich um meine betagte Schwiegermutter und als Freundin bin ich für meine FreundInnen da, wenn sie mich brauchen. Ach ja, eine leidlich gute Ehefrau stelle ich glaub ich auch dar. Sind also ganz schön viele Menschen, um die ich mich kümmere.

Keine Eremitin

Noch ein nettes Zitat aus dem Kommentar von Marcus Franz: „Kaum einer der freiwillig Kinderlosen will als Eremit sein Dasein fristen.“ Das ist wahr. Ich will auch keine Eremitin sein. Deshalb bin ich auch verheiratet, habe FreundInnen und ein umfangreiches soziales Netzwerk.

Ran ans Kindermachen

Und weil es so schön ist, gleich noch ein Zitat, das mir besonders gut gefällt: Kinderlosigkeit sei „egozentrisch, demografisch kontraproduktiv und die Gesellschaft belastend.“ Okay Leute: Ran ans Kindermachen, damit die die Gesellschaft nicht demographisch belastet wird (Ups; beim Schreiben bin ich jetzt in Lachen ausgebrochen.) Ehrlich jetzt: Gibt es wirklich Menschen, die Kinder kriegen, um ihre „gesellschaftlichen Verpflichtungen“ zu erfüllen? Die würde ich wirklich gerne kennen lernen.

Zu wenig für Familien?

Und dann noch ein letztes Zitat: „Kinder- und Familienpolitik gehören derzeit sicher nicht zu den besonders flott beackerten Feldern.“ Jetzt mal ganz abgesehen von der „hatscherten“ Formulierung: Liest der Mann keine Zeitung?(siehe Salzburger Nachrichten und Profil) Hört niemals Radio oder schaut Fernsehnachrichten? Das muss ich mich fragen, drehte sich doch die politische Diskussion der letzten Tage fast ausschließlich um das Thema Familie und Kinder, Erhöhung von Familienleistungen und andere „Wahlzuckerl“ der Koalitionsparteien.

Individuelle Entscheidung

Menschen wollen Kinder. Oder sie wollen eben keine. Das ist eine individuelle Entscheidung, die zu respektieren ist. Nota bene: Es gibt eine große Anzahl von Kindern, nicht nur in ökonomisch armen Ländern, auch bei uns – hier in Österreich – die vernachlässigt, geschlagen (Kleine Zeitung), missbraucht und ganz allgemein schlecht behandelt werden. Wie wäre es damit, sich um diese Kinder verstärkt zu kümmern, mehr für sie zu tun? Das allerdings würde mehr Arbeit erfordern, als sich am Sonntag mal eben schnell an den Computer zu setzen und Kinderlose als „asoziale Nihilisten“ zu bezeichnen.

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5 Kommentare zu “Wir kinderlosen, asozialen NihilistInnen”

  1. Susanne sagt:

    Danke!
    Das spricht mir soooo aus dem herzen!

  2. Kathy sagt:

    Danke für diesen Artikel! Entspricht vollkommen meiner Meinung!
    Und ganz ehrlich, wenn Leute wie Marcus Franz sozial sind, dann bin ich stolz darauf zu den asozialen zu gehören!

  3. Cyro sagt:

    Ich finde es erschreckend, dass ein Grundrecht, nämlich das der freien Entscheidung wie man leben möchte, ob mit oder ohne Kinder, nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint.
    Ansonsten kann ich Kathy nur zustimmen … unter der Voraussetzung, dass antisozial = kinderlos bedeutet, hey, da bin ich dann stolz ein Anitsozialer zu sein :)
    Ähm … warum hat die Meinung dieses Privatklinikleiters eigentlich Gewicht ? Ich meine, jeder hat ein Recht auf merkwürdige Ansichten, aber ich hoffe doch dass das keine besonders populäre Ansicht ist, die er da vertritt.

  4. Fischismus sagt:

    der privatklinikleiter publiziert gern und viel. und er sitzt seit kurzem für das bzö im parlament, was ja eigentlich alles sagt. danke für deinen kommentar – ich bin ganz deiner meinung.

  5. Cyro sagt:

    Ah, das wusste ich nicht. Na dann … offenbar finden nicht nur in Deutschland manchmal komische Gestalten den Weg ins Parlament. Bleibt nur zu hoffen dass er bald wieder daraus verschwindet, ohne größeren Schaden angerichtet zu haben.

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