Nina Hagen und die Psychiatrie

Der Blog “mutterseelenalleinerziehend” ist ein guter. ich les ihn gerne. Diesmal allerdings unterstützt die Bloggerin, Maike von Wegen, eine Aktion, die nur abgelehnt werden kann. Es handelt sich um die sogenannte “Patverfü”, eine Patientenverfügung, mit der verhindert werden soll, eine psychiatrische Diagnose zu bekommen. Sie lesen richtig! Hier gibt es mehr dazu: http://www.patverfue.de/nina-hagen Das ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die tatsächlich mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Und hier ist der Link vom Blog “mutterseelenalleinerziehend” auf Facebook: https://www.facebook.com/?sk=lf#!/pages/mutterseelenalleinerziehend/210770725633032

Dieser Link war es, der mir heute Morgen sauer aufgestoßen ist, als ich – wie jeden Tag – Facebook aufrief und mir anschaute, was so geposted worden war.

Nina Hagen unterstützt ein Projekt, in dem man mit einer “Patverfü” – einer Patientenverfügung, jegliche psychiatrische Behandlung verweigern, ja abstreiten kann, überhaupt an einer solchen Erkrankung zu leiden.

Nun kann eine solche Patientenverfügung – die man sich praktischerweise gleich ausdrucken kann – natürlich rechtlich nicht bindend sein. Man könnte also sagen: Ein verzichtbares Ärgernis. Leider hat eine solche Sichtweise aber Konsequenzen. Und diese Konsequenzen sind es, die mich ärgern.

Sehr viele Menschen kämpfen jeden Tag aufs Neue mit ihrer psychischen Erkrankung. Dabei ist es egal, ob es sich um Depressionen, Schizophrenie oder Borderline-Syndrom handelt. Sie suchen ÄrztInnen auf, nehmen Medikamente, gehen in Therapien. Sie lassen sich von ihren Erkrankungen nicht unterkriegen. Und müssen sich neben ihrer Krankheit auch noch mit dem gesellschaftlichen Stigma auseinandersetzen, mit dem psychische Erkrankungen immer noch behaftet sind.

Wer eine psychische Erkrankung hat, wird immer schief angeschaut, egal, wie viele Awareness-Kampagnen durchgeführt werden. Wer schon einmal depressiv war oder psychotisch, der gilt als Mensch, dem wohl einfach nicht mehr zu trauen und dem nichts mehr zu zutrauen ist.

Eine Kampagne, wie diese “Patverfü” schlägt Menschen, die psychisch krank sind und jeden Tag aufs Neue damit leben, knallhart ins Gesicht. Denn wenn ich psychische Krankheiten einfach ableugnen kann, wenn ich sie lediglich als Konstrukt sehe, das irgendwelchen miesen Strippenzieher erfunden haben, um je nach Laune, psychiatrische Kliniken am Leben zu halten oder die Pharmaindustrie mit viel Geld zu versorgen, dann bedeutet das für jede und jeden, der sich mit seiner Krankheit täglich auseinandersetzen muss, er oder sie seien wohl “verrückt”, weil er oder sie sich etwas einreden lässt, das gar nicht existiert.

Mit einer psychischen Erkrankung zu leben, bedeutet Kampf. Jeden Tag aufs Neue. Mut finden, weiter machen, Tabletten nehmen, obwohl man es hasst, aber weiß, man braucht sie eben. Zur Therapie gehen. Und wenn gar nichts mehr geht, ins psychiatrische Krankenhaus. Und es bedeutet immer auch, ein Doppelleben zu führen – damit bloß niemand merkt, dass man krank ist. Denn psychisch krank zu sein, das bedeutet in unserer Gesellschaft, nutzlos zu sein, nicht belastbar und ganz sicher nicht arbeitsfähig.

Schon allein deshalb sind derartig merkwürdige Kampagnen, wie eben diese „Patverfü“, die auch noch dazu von Nina Hagen unterstützt wird, abzulehnen. Denn sie helfen nicht nur nicht. Sie schaden – jenen, die täglich aufs Neue die Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung suchen müssen.

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2 Kommentare zu “Nina Hagen und die Psychiatrie”

  1. Und hier ist die Erklärung zu dem ganzen: http://gewalltag.wordpress.com/2012/11/26/lass-dich-nicht-entmundigen/

    Es geht NICHT um kranke Menschen! Es geht um Menschen wie Gustl Mollath oder zahlreiche Hartz-IV-Empfänger, die sich gegen Sanktionen auflehnen. Ich bitte um Korrektur! Es geht hier um etwas völlig anderes!
    Jeder hat weiterhin das Recht, sich freiwillig einzuweisen und die Staatsanwaltschaft kann gegen die Patientenverfügung auch widersprechen. Dann wird es aber in einem FAIREN Verfahren geklärt. Die Person wird also nicht im Eilverfahren weggesperrt und kann sich nie mehr dagegen wehren. Hier handelt es sich um einen Kategorienfehler. Es ist kein Kampf gegen die Anerkennung von Krankheiten, sondern ein Kampf gegen Zwangseinweisungen von unbequemen Staatsbürgern.

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