Beschneidungsdebatte: Hysterisch und überzogen

Es ist Sommer. Aber von Sommerloch ist heuer keine Spur. Die halbe Welt erregt sich über ein Thema, das bei Neugeborenen gerade mal einen Umfang von ein paar Milimetern hat.

Richtig: Es geht um das Thema Vorhautentfernung aus religiösen Gründen. Bei Babies. Das Landgericht Köln hat am 7. Mai 2012 in einem Urteil festgestellt: Die rituelle Beschneidung der Vorhaut eines Kindes stellt den Tatbestand der Körperverletzung dar.

Beschneidung an einem Neugeborenen. (c) Ms.Schreiber (Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.)

Beschneidung an einem Neugeborenen. (c) Ms.Schreiber (Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.)

Na mehr brauchst ned! Die Wogen gingen hoch. (Un-)heilige Allianzen wurden geschmiedet, um das Recht, einem Kind die Vorhaut zu entfernen, zu verteidigen. Und die Vergleiche, die bemüht wurden, waren nicht von schlechten Eltern. Einige Zitate gefällig:

Ariel Muzicant, emeritierter Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Österreich sagte am 25. Juli im Interview mit der Kleinen Zeitung: “Das Verbot der Beschneidung “wäre dem Versuch einer neuerlichen Shoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen – nur diesmal mit geistigen Mitteln.” (Kleine Zeitung, 25. Juli 2012/http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/3076004/beschneidung-verbot-vernichtung-juden.story)

Und Fuat Sanac,  Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich verstieg sich am Freitag in einer Pressekonferenz, über die noch einiges zu sagen sein wird, sogar zu der Behauptung: „Mit neuen Technologien ist das (”das” meint die Vorhautentfernung beim Baby, Anm. der Autorin) mit Fingernägelschneiden vergleichbar.“

Schauen wir uns mal an, worum es hier eigentlich geht. In der jüdischen Religionsgemeinschaft findet die Beschneidung am 8. Lebenstag des Kindes statt, in der muslimischen Religionsgemeinschaft wird die Beschneidung irgendwann zwischen Babyalter und dem 13. Lebensjahr (sic!) durchgeführt.

Was geschieht bei einer Vorhautentfernung beim Baby/Kind? Die häufigste Methode ist die sogenannte “Freihandbeschneidung”. Dabei wird – meist ohne Betäubung des Babies – die Vorhaut, die zu diesem Zeitpunkt noch fest mit der Eichel verklebt ist, zuerst weggerissen. Dann wird sie nach oben gezogen und einige Minuten lang abgeklemmt, um heftige Blutungen zu vermeiden. Entlang der Klemme wird die Vorhaut abgeschnitten. Noch einmal: Die Babies/Kinder werden meist NICHT betäubt und müssen diesen sehr schmerzhaften Eingriff ertragen. Und auch wenn sich das Kind später nicht mehr an die Schmerzen erinnern kann (und wie ist das bei älteren Kindern? Vergessen die das auch?) so ist doch heute klar, dass der Schmerz, der hier dem Neugeborenen aus sogenannten “religiösen” Gründen zugefügt wird, zumindest psychische Auswirkungen auf das Kind haben muss.

Zurück zur Debatte: Ariel Muzicant meint also, ein Verbot der Beschneidung sei ein “Versuch einer neuerlichen Shoah”. Als ich das las, blieb mir der Mund offen. Ich frage mich, ob der Mann nachgedacht hat, bevor er das gesagt hat. Zu seinen Gunsten möchte ich sagen, dass er das nicht getan hat und im Eifer des “Gefechts” Unsinn gesprochen hat. Dass er das ernst gemeint haben kann, kann ich einfach nicht glauben.

Nachdem sich also alle “maßgeblichen Religionsführer” in Österreich und Europa gegen ein Verbot der Beschneidung an Jungen ausgesprochen hatten, gipfelte die Situation in Österreich vergangenen Freitag in einer durchaus (un-)heiligen Allianz: Vertreter (es waren natürlich nur Männer) der jüdischen, muslimischen und christlichen Glaubensgemeinschaften gaben eine Pressekonferenz, in der sie, sollte tatsächlich ein Beschneidungsverbot kommen, vor dem Untergang des Abendlandes warnten. Und dies taten sie nicht etwa mit wohlgesetzten Worten, nein, da wurde ordentlich mit Atombomben auf Ameisen geschossen. Nachfolgend einige Auszüge dieser würdigen Veranstaltung:

“In ihrer gemeinsamen Stellungnahme unterstrichen die Kultusgemeinde sowie die Islamische Glaubensgemeinschaft, dass sie die laufende Beschneidungsdebatte als “Kampagne” und zugleich als “Bedrohung der Religionsfreiheit” erachten. (…) Entschieden wende man sich gegen das von antireligiösen, radikalen Einzelpersonen und Gruppen sowie populistischen politischen Kreisen vorgetragene Bemühen, durch staatlichen Eingriff in das verfassungsrechtlich geschützte Gut der Religionsfreiheit den Eltern das Recht zu nehmen, Kinder entsprechend ihren eigenen Wertmaßstäben zu erziehen.”

Und der Generalsekretär der katholischen (!) Kirche Österreichs, Peter Schipka weiß sich einer Meinung mit seinen Kollegen und meint zum “Recht” auf Beschneidung von Babies und Kindern: “Das soll aus Sicht der katholischen Kirche auch so bleiben.”

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, ebenfalls Teil des “religiösen Bündnisses” der freitäglichen Pressekonferenz ortet in der Diskussion rund um die Beschneidung wörtlich “Feindseligkeiten gegen Judentum und Islam und gegen die Religion insgesamt.” (Alle Zitate aus einer Pressemeldung der Erzdiözese Wien von Freitag, dem 27. Juli 2012)

Wow! Also, diese hier schreibende radikale Einzelperson ist gegen die Beschneidung von Babies und Kindern. Sie begreift sich dabei nicht als “religionsfeindlich”, sondern sieht die körperliche und geistige Unversehrtheit von Babies und Kindern bedroht.

Wenn Beschneidung von Jungen ein so essenzieller religiöser Wert ist, warum überlässt man dann die Entscheidung nicht den Jungen selbst? Was spricht denn dagegen, das 18. Lebensjahr abzuwarten, einen Zeitpunkt also, an dem ein junger Mann bewusst und erwachsen entscheiden kann, ob er diesen Eingriff machen lassen will oder nicht? Das verhindert eine religiöse Erziehung nicht, das greift nicht in das “Recht” von Eltern ein. Es stellt lediglich sicher, dass Jungen eine eigene, freie und erwachsene Entscheidung treffen können.

Aber ich glaube, es geht gar nicht darum, sich bewusst für einen solchen Eingriff entscheiden zu können. In dieser Diskussion geht es um Macht. Die Macht der religiösen Gemeinschaften über die Menschen, die ihnen zugehörig sind oder scheinen. Das zeigt nicht zuletzt die Pressekonferenz vom vergangenen Freitag. Den Herren Religionsvertretern sei hiermit ins Stammbuch geschrieben: Weniger Hysterie und mehr Empathie! Bis vor nicht allzu langer Zeit galt “die gesunde Watschen” auch noch als legitimies Erziehungsmittel. Die Zeiten ändern sich – zum Glück. Die körperliche und seelische Unversehrtheit von Kindern sollte heute über jeglichen religiösen oder politischen Befindlichkeiten stehen. Schlimm genug, dass dies nach wie vor nicht der Fall zu sein scheint.

Post Scriptum: Auch der Mathematiker Rudolf Taschner musste seinen “Senf” zum Thema abgeben und rang sich – offensichtlich mit Schaum vor dem Mund – einen Kommentar für die Tageszeitung “Presse” ab, der die Leserin sprachlos zurückließ. Der Sukkus: Jede und jeder, der sich gegen die Beschneidung von Babies und Kindern äußere, sei antisemitisch.  Um es mit Nestroy zu sagen: Die Welt steht auf kan Fall mehr lang!

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